INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort und Einleitung

Überwindung der letzten Hindernisse

Erster Abend im Kreise der Yagan

Vier Yaganfrauen als Sprachlehrerinnen

Eine Reittour auf Feuerland

Eine Woche bei den Ona-Indianern

Eine zweite Reittour auf Feuerland. Die Hausindianer

In einer Ratsversammlung mit den führenden Männern des Stammes

Vorbereitung zum Fest der Jugendweihe (Tschiechaus)

Erster Abend im Tschiechaus-Rancho

Zweiter Tag im Tschiechaus-Rancho

a) Der Tag bis zum Abendessen

b) Der Abend des zweiten Tages

Dritter Tag im Tschiechaus-Rancho

Vierter Tag im Tschiechaus-Rancho

a) Bis zum Nachmittag des Tages

b) Der Abend des vierten Tages

Noch einmal in den Tschiechaus-Rancho hinein

a) Der fünfte Tag im Tschiechaus-Rancho

b) Der sechste Tag im Tschiechaus-Rancho

Urweltweisheit. Die der Jugend im Tschiechaus erteilten Belehrungen

Theorie und Praxis

Vorbereitung des Kinafestes

Erster Abend des Kinafestes

a) Die Stunden vor dem Abendessen

b) Von der Zeit des Abendessens an

Zweiter Tag des Kinafestes

Dritter Tag des Kinafestes

Vierter (letzter) Tag des Kinafestes

Im Indianerboot zurück nach Punta Remolino

Wie wir zur Entdeckung der Religion der Yagan kamen. Die Namen des höchsten Wesens

Wie die Yagan sprechen und beten zum Hohen Herrn da oben"

Watauinewas Eigenschaften

Ursprünglichkeit des Watauinewa-Glaubens

Totenbestattung und Unsterblichkeitsglaube

Ein wirkliches Yamalašemoina (allgemeine Totenfeier) März 1923

Medizinmännerwesen bei den Yagan

Mit den Yagan in der Medizinmännerschule

Direkte oder innere Berufung zum Yekamu (Zauberdoktor)

Herkunft von Kina und Doktorenschule

Geschichten und Mythen, welche die Yagan sich erzählen

a) Die Geschichte vom selbstsüchtigen Eetech (Kormoran)

b) Die Geschichte von der [verliebten] Seeassel

c) Eine Riesengeschichte

Kulturbringer der Yagan

Unkraut des Aberglaubens

Yagan beim Spiel

Yagan in ihrer individuellen Charakterisierung

Gesamtcharakteristik der Yagan

Abschied von unseren Freunden

Aussicht auf eine schönere Zukunft

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VORWORT UND EINLEITUNG

Als ich im Sommer 1921 mich anschickte zu einer Amerikareise mit dem besonderen Zweck, im Verein mit meinem lieben alten Freund und Studienkollegen M. Gusinde von Santiago in Chile aus eine Expedition nach Feuerland zu unternehmen, da hörte ich wohl einige Dutzend Male, sowohl hier in Europa als auch drüben in Nordamerika, wo ich mehrere Monate zu verweilen­weilen hatte, die erstaunte Frage an mich richten: "Was, Sie wollen nach Feuerland, da werden Sie ja aufgefressen!" Gewiß ein guter Beweis dafür, wie die Aussage Darwins, die Feuerländer seien Menschenfresser, sich in den Köpfen der zivilisierten Welt festgesetzt hatte. Ein Zeichen aber auch für den Konservativismus, um nicht zu sagen die Schwerfälligkeit, welche dem Menschenwesen eigen ist, wenn es gilt, mit alten, überlebten Vorurteilen aufzuräumen. Denn seit einer Reihe von Jahren war es doch schon bekannt und als zweifellos festgestellt, daß der Vorwurf des Kannibalismus ganz zu Unrecht gegen die Feuerländer erhoben worden sei.

Von den drei Feuerlandstämmen der Alakaluf, der Ona und der Yagan kommt in der vorliegenden Veröffentlichung fast ausschließlich nur der letztgenannte zu Wort. Die Yagan sind beheimatet in den Regionen des Beagle-Kanals und auf den südlich und südwestlich davon gelegenen Inseln. Sie stellen so­mit die südlichsten Bewohner Feuerlands vor. Aber nicht nur das, sondern sie haben auch die Ehre, die am meisten südlich wohnenden Menschenkinder der Welt überhaupt zu sein. Bald nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts begann die englische Mission unter den Yagan zu wirken. Bald nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts begann die Damit kam die Welt zu zuverlässigeren Berichten und Kenntnissen über ihre südlichsten Bewohner. Besondere Verdienste erwarb sich in dieser Hinsicht der Missionar Th. Bridges. Das Beste, was wir aus jener Zeit zur Sprache und zur Ethnographie der Yagan besitzen, stammt aus der Feder dieses Herrn oder geht doch auf ihn oder wenigstens einzelne seiner Mitarbeiter zurück. Eingehendere Mitteilungen zur physischen Anthropologie und zum sozialwirtschaft Leben dieses Völkchens sind der französischen Kap-Horn­-Expedition (1882/1883, Hyades und Deniker) zu danken.

Sind hiermit die Hauptetappen der früheren Erforschung der Yagan kurz gekennzeichnet, so bleibe indes nicht unerwähnt, daß gelegentlich noch viele andere Forscher ihr Scherflein zu demselben Zwecke beigetragen haben. Eingehend berichtet darüber, wie über die gesamte Geschichte der Yaganforschung bis zum Jahre 1916 die ebenso vortreffliche als nützliche Studie von J. M. Cooper, Analytical and critical Bibliography of the Tribes of Tierra del Fuego and adjacent Territory, Washington 1917.

Daß aber trotz allem die ethnologische Forschung bei den Yagan noch lange nicht alle Aufgaben gelöst hatte, das war den Sachverständigen im Laufe der Jahre stets klarer geworden. So hatte man z. B. Kunde von der Existenz geheimer Initiationsfeierlichkeiten (Jugendweihen) erhalten. Wie manche in neuerer Zeit bekannt gewordenen Beispiele der Alten Welt (Andamanesen, südostaustralische Stämme) es zeigen, findet sich aber vornehmlich in derartigen Veranstaltungen ein Großteil des Geisteslebens der Primitivsten konzentriert. Für die Yagan war mit Recht Ähnliches zu vermuten, und so mußte eine methodische Völkerkunde damit rechnen, daß der gern des Geisteslebens dieses Stammes noch gar nicht erfaßt worden sei.

Hier harrte also eine wichtige ethnologische Aufgabe noch der Lösung. Und diese Aufgabe mußte als eine um so dringlichere erscheinen, weil im Laufe der letzten Jahrzehnte stets alarmierendere Berichte von dem schnellen Hinsterben der Angehörigen des Yaganvölkchens bekannt wurden. Zählte der Stamm nach Schätzung der alten Missionare vor fünfzig Jahren rund zweitausendfünfhundert Köpfe, so bewegt sich die Zahl der rassenreinen Individuen heute zwischen siebzig und achtzig. Es bedeutet also gewiß keine Übertreibung, wenn man sagt, daß die letzte, die zwölfte Stunde für eine gründliche Yagan-Erforschung bereits geschlagen hatte. Und angesichts einer solchen Lage der Dinge hatte Prof. Dr. Fr. Boas, dem ich Oktober 1921 in New York persönlich von unseren Feuerlandplänen Mitteilung machen konnte, sicher vollkommen recht, wenn er meinte: „Sie wollen nach Feuerland, da liegt heute die wichtigste und dringlichste Aufgabe der Amerikanistik!',

Auf die Frage, warum der Feuerlandstamm der Yagan - nicht anders erging es übrigens den beiden anderen Stämmen der Alakaluf und der Ona - in den letzten fünfzig Jahren so rasch zusammenschmolz, soll hier nicht näher eingegangen werden. Es ist immer wieder das alte Lied: Die Berührung mit unserer modernen Zivilisation bringt gerade den Primitivsten der Naturvölker gewöhnlich so schnell Tod und Untergang. Besonders die eingeschleppten Krankheiten, wie Influenza, Pocken und Masern, und zum Teil auch der Alkohol, haben mit dem Yaganvölkchen fürchterlich aufgeräumt.

Auf die Dringlichkeit der ethnologischen Feuerlandprobleme war seit vielen Jahren besonders auch Prof. Dr. Wilh. Schmidt, der bekannte Begründer und Herausgeber der internationalen Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde „Anthropos" (S t. Gabriel-Mödling bei Wien) aufmerksam geworden. Die Gedanken und Pläne, die er hegte, sind schließlich nicht ohne Frucht und Folge geblieben, denn die Feuerlandreisen von Gusinde und mir gehen letzten Endes alle auf von ihm gegebene Anregungen zurück; denn erste Kenntnisse und Liebe zur Wissenschaft der Völkerkunde haben wir beide ihm, als unserem altverehrten Lehrer in dieser Disziplin, zu danken.

In Dankbarkeit ist hier auch der Wiener Akademie der Wissenschaften zu gedenken, die ihm im Interesse dieser Bestrebungen vor dem Kriege schon einmal fünftausend Kronen bereitstellte. Sie sollten gegebenenfalls einem Redaktionsmitglied als Fonds zur Ausrüstung einer Feuerlandreise dienen. Der Weltkrieg machte begreiflicherweise die bezüglichen Pläne zeitweilig vergessen.

Nach dem Kriege überraschten uns die Leiter des ethnologischen Museums zu Santiago (Chile), A. Oyarzún und M. Gusinde, mit der erfreulichen Nachricht, daß sie von dort aus die Lösung der ethno­logischen Feuerlandprobleme ernstlich ins Auge gefaßt hätten. 1919 und 1920 besuchte M. Gusinde beide Male sowohl die Yagan als auch die Ona und kehrte jedesmal, obwohl die Zeit für die Forschungsarbeit eine relativ kurze war, mit vorzüglichen Ergebnissen zurück. Die Berichte, welche in den „Publicaciones del  Museo de Etnolologia y Antropologia de Chile“, 1919 und 1920, veröffentlicht sind, geben im einzelnen Rechenschaft darüber. Bei den Yagan speziell hatte M. Gusinde besonders folgendes erreichen können. Neben beträchtlichen Sammlungen an ergologischen Objekten konnte er von vielen Individuen die anthropologischen Maße nehmen. Er sammelte ferner an die dreißig längere und kürzere Erzählungen und Mythen. Das Haupt­ergebnis aber seines zweiten Besuches (1920) bestand dann darin, daß er da schon die erste Stufe der Initiationsfeier aktiv miterleben konnte. Sechs Tage und sechs Nächte weilte er mit einem größeren Teil der Bevölkerung im großen Rancho (Hütte), wie sie für diese Festlichkeit hergerichtet zu werden pflegt. Den Leuten wollte es erst gar nicht in den Kopf hinein, daß er als Weißer an dieser Veranstaltung teilnehme. Aber er hatte ihr Vertrauen schon dermaßen gewonnen, daß sie die Bedenken schließlich fallen ließen. Er war aber gezwungen, sich in allem genau so zu benehmen wie die Angehörigen des Stammes, und so erlaubten sie z. B. noch nicht, daß er während dieser Tage irgendwelche schriftliche Aufzeichnungen machte. Dabei hatte er mit den übrigen Kandidaten vor allem die ersten drei Tage strenge zu fasten. Nur drei bis fünf Miesmuscheln bekam ein jeder täglich zu essen und ein wenig Wasser zu trinken. Das waren harte, opferreiche Tage, aber die Opfer sollten sich reichlich lohnen. Von nun galt er als Mitglied des Stammes. Das volle Vertrauen, das er so erlangte, bildete die Voraussetzung für die erschöpfende Erforschung, die wir zusammen zu Beginn 1922 bei den Yagan vornehmen konnten und über welche die vorliegende Publikation, soweit die Materie auch weitere Kreise interessiert, näheres berichten will.

Was zu vermuten war, das hat sich voll bestätigt. Mit der Einführung in die geheimen Feste, ja mit der aktiven Teilnahme an denselben (Jugendweihe, Kina [Männerfeier, Medizinmännerschule) entschleierte sich das eigentliche tiefere Geistesleben der Yagan. Das liegt gewiß aus doppeltem Grunde so in der Natur der Sache begründet. Einerseits ruhen in diesen Festen und Einrichtungen tatsächlich ihre vorzüglichsten geistigen Güter, und die Leute selbst werden sich derselben zumeist nur dann wieder ganz und voll bewußt, wenn sie die Spiele hic et nunc durchleben. Andererseits führt kein Weg zur sicheren und zuverlässigen Er­fassung dieser Schätze, wenn man nicht aktiv an den Stammesfesten teilnimmt, wenn man nicht Stammesmitglied, also Indianer wird.
Bisher ganz unbekannt gebliebenes Land betraten wir mit den Enthüllungen zur Religion der Yagan. Hatten doch seit Darwin gerade diese immer wieder als ein Musterbeispiel von urzeitlicher Religions- und Gottlosigkeit aufzumarschieren. Und nun entpuppen sie sich als Inhaber eines alten, so klar und be­stimmt umschriebenen und lebendigen Eingottglaubens, daß die Entdeckung davon wohl, ohne daß man uns der Unbescheiden­heit zeihen wird, als die interessanteste und bedeutungsvollste Sensation im Bereiche der neuzeitlichen vergleichenden Religions­forschung zu gelten hat.

Und allen diesen Ergebnissen und Entdeckungen kommt ohne Frage besonders deshalb eine so große Tragweite zu, weil die Yagan, das haben auch unsere Forschungen von neuem be­stätigt, im Kerne zu den sogenannten Urvölkern gehören, d. h. zu jenen niederen Jägern, die in der Alten Welt und auch in Australien und Nordamerika als vortotemistisch und vormutter­rechtlich erkannt worden sind. Sie sind also in erster Linie mit­berufen, die Antwort zu erteilen, wenn man auf ethnologischem Wege die Anfänge des eigenen Geschlechtes zu erhellen gedenkt. Angesichts der Ermöglichung und glücklichen Durchführung einer solchen Expedition in so kritischer Zeit als der gegen­wärtigen haben wir nach vielen Seiten hin Dank zu sagen. Dank in erster Linie dem greisen Herrn Erzbischof Crescente Errázuriz von Santiago in Chile, der in ebenso verständnisvoller als zuvorkommender Weise für die finanzielle Seite unserer gemein­ Samen Reise besorgt gewesen ist. In derselben Weise Dank auch sämtlichen Mitgliedern der im Kanal Beagle ansässigen Familie des ehemaligen englischen Missionars J. Laurence. Ohne ihr stets liebenswürdiges Entgegenkommen und Mitwirken wäre an Erfolge, wie sie uns tatsächlich beschieden waren, einfach nicht zu denken gewesen. Dank ferner dem Herrn Direktor Dr. A. Oyar­zun, dem unentwegten Förderer speziell aller Bestrebungen, welche die Lösung der völkerkundlichen Aufgaben Feuerlands bezwecken. Dank allen Vertretern, sei es der chilenischen, sei es der argentinischen Behörde, welche stets mit größter Bereit­willigkeit ihr möglichstes taten, um uns die Wege zu unseren Zielen zu ebnen. Dank endlich auch Seiner Exzellenz dem holländischen Gesandten zu Santiago in Chile, der uns in liebens­würdigstem Entgegenkommen eine kostenlose Beförderung der gesammelten Ethnologika nach Europa verschaffte. Während das vorliegende Buch geschrieben wurde, weilte M. Gusinde bereits wieder auf Feuerland, und zwar zunächst noch einmal für etwa sechs Wochen bei den Yagan. Eine Lücke war uns dort doch vorigesmal wegen Zeitmangel noch geblieben: Es fehlte die Teilnahme an einem Medizinmännerkurs (Doktorenschule), wie die Yagan sie kannten.

Nun hat Gusinde auch diese Einrichtung persönlich kennenlernen und dabei noch wertvollste Schätze zum Geistesleben der Yagan heben können. Sie sind dieser Publikation noch zugute gekommen, wie der Leser am gegebenen Ort finden wird.

Abgesehen von Taf. Ia und b, IIa, IIIa, ist das gesamte photographische Material dieses Buches M. Gusinde zu danken. Die Zeichnungen wurden von Herrn W. Watzke (Wien) nach den im ethnologischen Museum zu St. Gabriel befindlichen Gegenständen hergestellt; die Karte zeichnete Fräulein Hilda Schmidt (Stuttgart).

St. Gabriel-Mödling bei Wien, Februar 1924.

Dr. W. Koppers

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ÜBERWINDUNG DER LETZTEN HINDERNISSE

Der mathematische Lehrsatz: Die gerade Linie bildet die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, mag theoretisch gut und richtig sein, aber in der Praxis ist es nicht immer möglich, diese gerade Linie zu gehen. So kann man sich zwischen Punta (Punkt) Arenas (Taf. Ia) und Punta Remolino (Taf. IIIb) die gerade Linie wohl auch ganz schön denken, aber der Sterb­liche, welcher von dem einen Punkt zum anderen muß, hat um die berüchtigte Brecknock-Spitze herum und durch den Beagle-­Kanal einen respektablen Umweg zu machen. Diese etwa drei­hundert Seemeilen betragende Route trennte uns noch von dem heiß ersehnten Ziel, den südlichst wohnenden Menschen­kindern, nachdem wir am 31. Dezember 1921 glücklich in der südlichst gelegenen Stadt der Welt, in Punta Arenas, gelandet waren.

Bis hierher reichen die Fäden der Zivilisation und damit auch die bequemen und regelmäßigen Verbindungen des Welt­verkehrs. Aber weiter südlich ist man vollständig auf den Zu fall angewiesen. Wer dorthin strebt, hat erstens zu warten, bis irgendeine Fahrgelegenheit sich bietet. Eine solche ergibt sich im allgemeinen nur dann, wenn ein Kutter im Dienste der wenigen Farmen, die auch in jenen Erdstrichen heute schon errichtet sind, den Weg zu machen hat. Und zweitens hat der Reiselustige von vornherein ganz zufrieden zu sein mit dem Eckchen, das ihm schließlich aus Gnade und Barmherzigkeit auf einem der­artigen, von oben bis unten meistens vollbepackten, Fahrzeuge noch eingeräumt wird.

Da uns sehr daran lag, so schnell wie möglich zu den Yagan zu kommen, so stand unser Entschluß von vornherein fest, die erste Gelegenheit zu ergreifen. Die Hafenbehörde, bei der wir bald nach unserer Ausschiffung vorsprachen, teilte uns freundlich mit, daß die nächste Möglichkeit zwei Tage später schon geboten sei: Am 2. Januar würde die sechsundsechzig Tonnen große "Ida" früh morgens die Anker lichten, um ge­gebenenfalls in achtundvierzigstündiger Fahrt nach Ushuaia (Taf. IIIa), unweit unserem letzten Ziel, zu gelangen. Wir be­mühten uns sofort um zwei Plätze und erhielten sie auch.

Der erhaltenen Weisung gemäß fanden wir uns am 2. Januar (es war an einem Montag) pünktlich um acht Uhr in der Frühe im Hafen ein und hatten unsere "Ida" bald entdeckt. Der Ein druck, den sie machte, war kein besonders günstiger. Das war ja die reinste Nußschale im Vergleich zu den gewaltigen Ozeandampfern, die mich bisher über die Meere getragen. Und nun dort, wo die See bekanntermaßen am wildesten und tückischsten, das kleinste und zerbrechlichste Fahrzeug!

Das Dekreszendo, in dem sich die Größe der bisher von mir benutzten Fahrzeuge immer schon bewegt hatte, erlebte mit dem Besteigen der "Ida" einen ungewöhnlichen Sturz in die Tiefe. Ich lasse die prächtige Evolutionsreihe vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Die "Rotterdam", welche ich am 17. August 1921 im Hafen der gleichnamigen Stadt Hollands bestiegen hatte und die mich dann in New York wieder ans Land setzte, gilt mit ihren 24 500 Tonnen mit Recht als ein sehr großer Dampfer. Der japanische "Anyo Marul", dem ich mich am 5. November in San Francisco anvertraute, damit er mich in fünf­undvierzigtägiger Fahrt nach Valparaiso brächte, vermittelt mit seinen 18 500 Tonnen ebenfalls einen sehr behäbigen Eindruck. Der chilenische Dampfer "Magellanen", der uns am 25. Dezember in Puerto Montt freundliche Unterkunft gewährte und dann nach Punta Arenas beförderte, auch er kann sich mit seinen 6500 Tonnen immer noch sehen lassen. Aber nun die nur 66 Tonnen fassende "Ida"! Komisch nur, daß es trotz so eklatanter Gegenbeweise immer noch Leute gibt, die meinen, es gäbe keine rück- und abwärtsführenden Entwicklungsreihen! Diese Abwärtsentwicklung fand übrigens noch ihre Fortsetzung im 22 Tonnen zählenden "Garibaldi", von dem wir in Ushuaia aufgenommen und dann bis Punta Remolino geführt wurden. Sie kulminierte schließlich aber im Indianerboot, dessen Höchstleistung eine halbe Tonne für gewöhnlich kaum erreicht, jedenfalls nicht übersteigt.

Nun zurück zu unserer "Ida". Um nicht ungerecht zu sein, sie bietet auch ihre Vorteile. So stellt sie es jedem Mitreisenden anheim, sich selber den besten Platz auszusuchen. Dabei ist nur darauf zu achten, der Plätze zu schonen, die von anderen bereits okkupiert sind. Im ganzen sind etwa anderthalb Dutzend Passagiere an Bord: zwei kinderreiche Familien und etliche weitere jugendliche Arbeiter. Sie alle sollen auf den einzelnen der Feuerlandfarmen eine Beschäftigung für die noch übrigen Sommermonate (Januar bis April) finden. Ein jeder verstaut seine Sachen und schließlich auch sich selber dort, wo die zahl­reichen Kisten und Säcke, mit denen das Boot befrachtet ist, ein passend scheinendes Eckchen frei gelassen haben. Dasselbe tun die Hunde, deren wir ebenfalls ein halbes Dutzend als Mitpassagiere besitzen.

Mit der Abfahrt hatte unsere "Ida" es nicht übermäßig eilig. Es waren noch allerlei Vorbereitungen zu treffen, deren Er­ledigung schließlich bis ungefähr Mittag sich hinzog. Während dessen fanden wir schon hinreichend Gelegenheit festzustellen, daß der Besatzungsmannschaft, bestehend aus Kapitän, Heizer, Steuermann und zwei Matrosen, die Neujahrsfeier vom vorher­gehenden Tag noch ziemlich stark in den Knochen steckte. An das bekannte Wort „Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach" mußte ich wiederholt denken, wenn ich sie so hantieren sah. Sie wollten schon, ein natürlicher Ehrgeiz drängte sie dazu, aber die Benommenheit des Geistes ließ ein rasches und sicheres Vorwärtsarbeiten nicht aufkommen. Schöne Aussichten das, mit einer so betreuten „Idas° die Fahrt in die bösartigen Feuerlandkanäle unternehmen zu müssen, die schon so manchen nicht nur kleineren, sondern auch größeren Fahr­zeugen Tod und Verderben bereiteten. Mein Kollege, an derlei Situationen schon gewöhnt, tröstete mich mit der lakonischen, aber vielsagenden Bemerkung: „Denken Sie daran, wir sind hier auf Feuerland [am Ende der Welt] !"

Jedoch gestaltete sich der Anfang der Fahrt besser, als wir erwartet hatten. Von zwölf bis ungefähr drei Uhr nach­mittags schwellte ein günstiger, mäßig starker Wind die Segel und brachte uns verhältnismäßig schnell voran. Dann aber wandte sich das Blatt, und zwar gründlich. Starke konträre Winde nötigten, die Segel überhaupt einzuziehen. Die beiden Petroleummotore, die nun allein die Arbeit leisten sollten, schienen auch noch etwas von den Nachwirkungen der Neujahrsfeier im Kopfe zu haben. Zu wiederholten Malen stellten sie ihre Tätigkeit einfach ein, und zwar das auf offener, schwer bewegter See. Ich sehe, wie Kapitän und Heizer mit brennenden Kerzen in dem von Öl und Fett triefenden Maschinenvorraum herumleuchten, um gebührend nach dem verborgenen Hindernis zu forschen. Natürlich fällt dabei die Kerze um, und im Augenblick schlagen die Flammen lichterloh empor. Das passierte zweimal. Zum Glück stand Wasser in der Nähe, und so gelang es in jedem Falle rasch, größerem Unheil vorzubeugen.

Bisher hatten wir, mein Kollege und ich, uns persönlich leidlich behaupten können. Das ewige Anhalten auf offener, stürmischer See aber brachte die „Ida" so zum Tanzen, daß wir uns bald zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen sahen. Es befiel uns beide ein derartiges Übelsein - alias Seekrankheit -, daß keiner um das Schicksal des anderen sich weiter zu kümmern vermochte, und ein jeder sich verkroch, so gut es eben ging.

Dem Kapitän, der mein Elend bemerkte, habe ich auch an dieser Stelle dafür zu danken, dass er mir sein "Bett" in freundlichster Weise zur Benutzung bereitstellte. Mit dem Aufgebot meiner letzten Kräfte stieg bzw. wälzte ich mich in dieses Bett hinein. Das Bett des Kapitäns auf der „Ida" stellt nämlich nichts anderes dar, als eine niedrige, enge Nische vorne links im Maschinenraum. Von drei Uhr nachmittags an bis zehn Uhr abends hatte ich in diesem Paradebett die schlimmste Seekrankheit meines Lebens zu überstehen. Ich hatte das Gefühl, als seien auf einmal alle meine Eingeweide, Herz und Lunge miteinbegriffen, im Zustande des Verfaulens begriffen. Dabei ständig ein aufgeregtes Phantasieren und ein ängstliches Um­klammern des Strohsackes, um nicht hinunter auf die dicht daneben stehende, schrecklich lärmende und rappelnde Maschine geschleudert zu werden. Gegen zehn Uhr abends war anscheinend eine gewisse Beruhigung des Meeres eingetreten. Mein Körper spürte das, und auf einmal erfaßte mich eine unwiderstehliche Platzangst. Es ergriff mich ein Gefühl, das dem eines in engem Sarge plötzlich erwachenden Scheintoten ähnlich sein mag. Mein „Bett" glich in der Tat ja auch mehr einer Totenkiste als irgend etwas anderem. Die Decke war so niedrig, daß es nicht möglich war, die Arme bis zur vollen Ellenbogenhöhe auszustrecken. Dazu hatte der Kapitän, wie ich jetzt erst bemerkte, in mißverstandener Für­sorglichkeit eine Art Vorhang vor meinen Bett­kasten gezogen, so daß ich also licht- und luft­dicht abgeschlossen war. In meiner Beklemmungsnot rollte ich mich eiligst hinaus, stürzte auf Deck, um die frische Luft in vollen Zügen zu genießen. Aber, ob wollend oder nicht, bald zwang es mich in meinen „Affenkasten" von neuem hinein.

Am nächsten Morgen erwachten wir im Beagle-Kanal. Die berüchtigte Brecknock-Ecke war also schon passiert. Ein besseres Wetter kündigte sich an, und bald schon ließ die Sonne ihr freundliches Antlitz sehen. In der Tat begleitete uns auf der weiteren Fahrt durch den Beagle­-Kanal eine durchaus günstige Witterung. Das entschädigte uns in weitgehendem Maße für die Leiden des ersten Tages. Denn der Beagle-Kanal bietet zu seinen beiden Seiten an wildromantischen Szenerien dem Besucher sehr viel (Taf. Ib). Unvergeßlich haften mir besonders im Gedächtnis die grünlich schimmernden Eis- und Schneemassen der zahlreichen Gletscher, welche hier vielfach auch zur Sommerszeit bis in das Meer hineinragen. Nichts könnte eindrucksvoller daran erinnern, in welch unwirtlichen Regionen wir segeln.

Mittwoch, den 4. Januar, gegen acht Uhr früh, laufen wir in den wohlgeschützten Hafen von Ushuaia ein. Wir sehen das südlichst gelegene Dorf der Welt vor uns liegen. Hier zum erstenmal in meinem Leben hatte ich das Vergnügen, argentinischen Boden zu betreten. In einer ebenso freundlichen als raschen Weise erledigen die Behörden die nötigen Passformalitäten. Wir eilen gleich darauf wieder zum Hafen. Denn der "Garibaldi" wartet schon, um uns in etwa dreistündiger Fahrt dem Ziele wirklich zuzuführen, nach Punta Remolino, wo wir die spärlichen Reste des Yaganstammes am ehesten zu treffen noch Gelegenheit finden werden.

Auf dem "Garibaldi" erlebte ich die Freude, das erstemal mit einem Vollblutyagan zusammenzutreffen. Es war der treue Clemente, der hier zuerst natürlich meinen Kollegen als lieben alten Bekannten begrüßte, dann auch mich nach Indianerart herzlichst willkommen hieß. Mein Kollege hatte die Nachricht von unserem Kommen schon übermitteln lassen und auch mit­geteilt, daß er dieses Mal nicht allein, sondern in Begleitung seines Freundes erscheine. Und alles das war, wie Clemente er­zählte, in den letzten Wochen schon viel besprochen und erörtert worden, und ich sollte dessen nur versichert sein, als Freund des Martin (Gusinde), ihres Stammesgenossen, würde ich gleich gute Aufnahme finden. Die aufrichtige Freude, die das Angesicht dieses alten Indianers überstrahlte, und die Zuvorkommenheit, mit der er uns gleich einen Spießbraten herzurichten versuchte, zeigten mir, wie mein Kollege bei Gelegenheit seiner früheren Reisen schon die Herzen dieser schlichten Naturkinder sich erobert haben mußte. Dafür sollte ich dann eine Fülle weiterer Beispiele bald noch kennenlernen.

Gut ein Uhr nachmittags bogen wir in den kleinen Hafen von Punta Remolino ein. Wir waren am Ziele. Die schönste Sommersonne, die Feuerland kennt, leuchtete uns, dabei die See ruhig und glatt wie ein Spiegel, während freilich im Gegensatz dazu das eigene Herz in Erwartung all der Dinge, die da kommen sollten, um so bewegter schlug.

Señora Laurence (Taf. IV a), die Herrin der Farm, selber auch Vollblutindianerin, steht mit einer ihrer erwachsenen Töchter am Ufer und bietet uns in herzlicher Weise Willkomm und Gastfreundschaft in ihrem Hause an. Dasselbe tut der gute alte Herr Pastor J. Laurence, der trotz seiner achtundsiebzig Jahre in jugendlicher Rüstigkeit uns entgegenkommt. Sie alle haben meinen Kollegen bei Gelegenheit seiner früheren Reisen schon näher kennen und schätzen gelernt. Er ist hier weder bei den Indianern noch bei den Weißen fremd, sondern überall wie zu Hause. Und mit ihm bin ich's auch, fühle mich tatsächlich angesichts dieser von allen Seiten so aufrichtig bezeigten Liebenswürdigkeit von Anfang an auf Feuerland wie daheim.

Textfeld: ' Infolge der Berührung mit der Zivilisation tragen heute fast alle Yagan neben ihrem einheimischen noch einen europäischen Namen. In dieser Schrift wird meistens der letztere gebraucht.

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ERSTER ABEND IM KREISE DEB YAGAN

Den Nachmittag und Abend des Tages unserer Ankunft verbrachten wir vornehmlich im Verkehr mit unseren liebens­würdigen Gastgebern, den Mitgliedern der Familie Laurence. Ebenso dankbar als interessiert lauschten wir besonders dem guten alten Herrn Pastor J. Laurence, der bei seinem bereits dreiundfünfzig Jahre währenden Aufenthalt an Ort und Stelle wie kein anderer berufen und befähigt erscheint, von den letzten Schicksalen des sterbenden Yaganvolkes Bericht zu erstatten. Wie traurig und herzzerreißend der stets wiederkehrende Refrain Die Berührung mit unserer Zivilisation ist es eigentlich gewesen, die auch diesen Feuerland-Indianern so schnell Tod und Verderben brachte!

Der zweite Tag (d. Januar 1922) gehörte aber schon fast ganz unseren Yagan. Da gab es beim Wiedersehen meines Kollegen, der vor zwei Jahren ja schon einer der ihrigen geworden war, manche wahrhaft rührende Szene. Mehrmals sah ich Tränen der Freude fließen. Und welches Vergnügen löste es jedesmal aus, wenn die einzelnen jetzt endlich die ihnen ver­sprochenen Photographien erhalten konnten. Heute noch sehe ich das verschmitzt-selige Schmunzeln auf dem Antlitz der betagten Indianerin, die eben auf einem Gruppenbilde ihren Alten in etwas komischer Stellung und Bemalung wiedererkannte. Daß Anhänglichkeit, Treue und Dankbarkeit, die in solchem Be­nehmen ihren Ausdruck fanden, meine Sympathien für die viel verkannten und gelästerten Urbewohner Feuerlands in hohem Maße steigern mußten, brauche ich nur anzudeuten.

Am späten Abend (neun bis elf Uhr) gab es uns zu Ehren noch ein Fest. Allerdings ein Fest ganz eigenen urweltlichen Charakters. Der Abend wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben, denn er gestattete mir zum ersten Male im engsten Zusammen­sein mit wahrhaft primitiven Menschenkindern deren tiefste seelische Regungen und Empfindungen nicht nur beobachten, sondern förmlich miterleben zu können. Bisher hatte ich der­gleichen nur aus Büchern kennengelernt, hier dagegen stand ich ganz im Banne der Wirklichkeit. Lang gehegte Herzenswünsche begannen damit ihre Erfüllung zu finden.

Die Veranstaltung fand statt in der einräumigen Hütte der alten Emilia. Diese Hütte stellte eine viereckige, etwa sechs Meter lange und vier Meter breite Bretterbaracke dar. Manuel, der Ge mahl der Emilia (Taf. IXb), und die meisten übrigen Männer waren noch abwesend. Im Dienste der Farm hatten sie mehrere Stunden weit einen Weg durch Wald und Sumpf zu schlagen und kamen nur über Sonntag nach Hause. So erklärt sich, daß die kleine Festversammlung - abgesehen natürlich von uns - ausschließlich aus weiblichen Teilnehmern bestand. Sechs würdige M­tronen, mit einer Ausnahme alle schon beträchtlich weit über ihr Mittelalter hinaus, machten die kleine Korona aus.

Zur angesetzten Stunde wurden wir von der Señora (Hausherrin) Laurence in das Haus der Emilia eingeführt. Die Alte, in klassischer Weise den echten alten Yagantyp repräsentierend, sitzt schweigend hinter dem offenen Feuer und würdigt uns kaum eines Blickes. Ihre Züge verharren in unveränderter Gleich­gültigkeit, und mir scheint fast, als sei sie nicht einmal sonderlich Art des Verhaltens uns gegenüber zunächst keine Er­klärung. Mein Kollege beruhigte mich: Es bedeute das weder eine Unfreundlichkeit gegen uns, noch sei es erlaubt, daraus auf innere Empfindungs- und Teilnahmslosigkeit zu schließen. In der Tat, er hatte recht. Wie ich später auch selber immer wieder be­obachten konnte, verstehen diese Indianer es meisterhaft, besonders Fremden gegenüber selbst die heftigsten Gefühlsbewegungen gewaltsam niederzuhalten und dabei nach außen die gleichgültigste Miene von der Welt zur Schau zu tragen.

Stilgerecht erfolgte denn auch keinerlei freundliche Ein­ladung, es sich irgendwo bequem zu machen. Wir müssen uns also selber helfen. Und da wir wissen, daß es jedenfalls eine etwas längliche Sitzung werden dürfte, so wälzen wir schnell einige dickere Holzklötze herbei, die uns als Stühle dienen. Die Indianergesellschaft sitzt am bequemsten und am liebsten mit unter­geschlagenen Beinen auf dem flachen Boden. Eine derartige Sitzmanier bereitete mir am Anfang besonders noch allerhand Schwierigkeiten, und so suchte ich sie nach Möglichkeit zu vermeiden.

Bald nach uns erscheinen, eine nach der anderen, auch die übrigen Gäste. Schweigend und leise ohne irgendein Aufheben von ihrer Persönlichkeit zu machen, schleichen sie herein und suchen sich ein Plätzchen. Ich staune darüber, einen wie engen Raum so eine Indianerin benötigt, um sich darauf niederzukauern. Später freilich, bei Gelegenheit der geheimen Jugendweihe, sollte ich lernen, wie die jungen Leute auch darin direkt unterwiesen und gedrillt werden, damit gegebenenfalls ihrer möglichst viele auf beschränktem Raum am wärmenden Feuer Platz finden können.

Das offene Feuer, das auch in der Mitte unserer Hütte brennt, bedeutet nicht nur die Wärme-, sondern auch die einzige Lichtquelle für uns alle. Von Zeit zu Zeit reicht man ihm neue Nahrung, weiß es auch durch Anlegen und Nachschieben der Hölzer geschickt zu neuer Glut zu bringen, wonach dann die hoch auflodernden Flammen um so geheimnisvoller durch die Hütte geistern.

So sitzen wir alle zunächst noch weiter schweigend in einem mäßig weiten Kreis um das Feuer herum. Scheinbar hängen die einzelnen einem müßigen und gedankenlosen Träumen nach. In Wirklichkeit herrschte aber durchaus Plan und System in dem Verfahren. Zu einer guten Feststimmung gehört nach den Be­griffen der Feuerländer eine gute Vorbereitung. Zu diesem Zweck sammelt man sich, konzentriert seine Gedanken, und hierbei kennen unsere Yagan keinerlei Überstürzung. Das "Time is money" ist ihnen ein vollständig unbekannter Begriff, quält sie mithin auch noch gar nicht. Ich sehe bald, wie notwendig es ist, hier die dem Kulturmenschen eigene Ungeduld und Unrast beiseitezustellen. Und ich gestehe gern, daß mich solches an diesem ersten Abend besonders noch etliche Anstrengung kostete.

Nachdem wir in feierlichem Schweigen eine gute halbe Stunde verharrt, fängt die alte Emilia ganz leise an zu singen und dazwischen immer wieder in kurzen abgebrochenen Sätzen zu murmeln. Das letzte ihrer Worte ist immer, wie deutlich festzustellen ist, toker; Also der Toker, worüber wir zuvor von Señora Laurence schon einige Belehrungen erhalten hatten, soll wirklich gesungen werden.

Gemäß den erhaltenen weiteren Erklärungen wird der Toker sowohl bei Gelegenheit der Jugendweihe, als auch sonst bei An­lässen privater Natur gesungen. Eine eigenartige Verquickung von freudigen und traurigen Motiven findet sich in ihm vereinigt. Das freudige Moment kommt darin zum Ausdruck, daß wir alle, bzw. unsere Köšpiks (unsere Seelen) zu einem großen Festmahl geladen werden, das der Toker (ein kleiner Vogel) mit einem großen Walfisch uns allen bereiten will. Das zur Trauer stimmende Moment liegt dabei darin, daß so viele der lieben Angehörigen an diesem Fest nicht mehr teilnehmen können, weil der Tod sie bereits hinweggerafft hat.

Das an sich monotone Singen der Emilia wird allmählich lauter und bestimmter. Nach und nach singen auch die übrigen Frauen mit. Von Zeit zu Zeit wird der Gesang abgebrochen, und ein lautes Hähähehe ... schallt in die Nacht hinein.

Nach einer kurzen Pause wird dann von vorne wieder angefangen. Deutlich ist dabei jedesmal eine neue Steigerung des Affektes leicht festzustellen. Nicht nur das Singen wird kräftiger lind lauter, sondern immer mehr auch wird es von Gesten und rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers begleitet. Das Denken an die lieben Toten löst dabei stets wieder ein neues und stärkeres Weinen und Schluchzen aus.

Den Höhepunkt erreichte die Feier mit dem gemeinsamen symbolischen Kosten von dem großen „Walfisch", zu dem wirja alle geladen waren. Unter ständiger Anlehnung an den Rhythmus des Gesanges und die entsprechenden Körperbewegungen zerkleinerte eine der Frauen hastig ein Stück Fleisch und gab einer jeden - und natürlich auch uns - einen Bissen davon zu essen. Der übrig gebliebene Teil indes wanderte mit einem energischen Gestus in das Feuer hinein.

Damit waren Fest und Gesang vom Toker eigentlich zu Ende. Nur die Zurückberufung unserer vom Toker nach auswärts geladenen und fortgegangenen Köpiks (Seelen) erheischte noch eine kurze abschließende Manipulation. Auch sie bestand einerseits in einem ganz einfachen monotonen Gesang, aber anderer­seits spielten dabei bestimmte mit Händen und Armen ausgeführte Gesten eine wichtige Rolle. Die Arme wurden nach vorne weit ausgebreitet und dann, indem mit den Händen eine greifende und zufassende Bewegung gemacht wurde, schnell zurückgezogen. Hiermit sollten unsere Köpiks in unsere Körper zurückgebracht werden. Eine Vernachlässigung dieser Maßnahme würde nach Anschauung der Yagan der Lebenskraft Eintrag tun und womög­lich baldigen Tod verursachen können.

Es ist elf Uhr geworden. Wir danken den Yaganfrauen für das geschenkte Vertrauen und wünschen allen "Gute Nacht!". Mir war eigentümlich zumute. Welch eine fremde und seltsame und doch auch welch eine bekannte und vertraute Welt! Wie sonderbar einerseits zwar die Anschauungen dieser Kinder der Urzeit, aber wie echt und allgemein menschlich erscheinen wieder so manche Äußerungen ihres Gemüts- und Seelenlebens! Die gegebenen kurzen Erklärungen hatten uns gewiß die leitenden Ideen des Toker vermittelt, aber wie viele Einzelprobleme und Einzelfragen waren nur angedeutet, denen in der Zukunft näher nachzugehen unsere ernstliche Sorge bleiben mußte.

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VIER YAGANFRAUEN ALS SPRACHLEHRERINNEN

In bezug auf die Sprache der Yagan besaßen wir schon eine verhältnismäßig gute Kenntnis. Diese Arbeit war wesentlich durch den Missionar Th. Bridges geleistet worden. Der Hauptsache nach klärte er uns nicht nur die Phonetik, sondern auch die Grammatik der vokalreichen und wohlklingenden Sprache. In vieljähriger Arbeit stellte er auch ein Wörterbuch zusammen, das freilich trotz seines bereits mehr denn fünfundvierzigjährigen Alters immer noch auf seine Drucklegung wartet. Das Manuskript hat seine eigene komplizierte Geschichte hinter sich. Daß es bis heute aus seinem Manuskriptdasein nicht herauskonnte, beruht zum Gutteil aber auch auf seinem gewaltigen Umfang : es zählt nämlich nicht weniger als zweiunddreißigtausend Wörter. Wenn ich trotz dieser Vorarbeiten dem Studium der Yagan­sprache noch eine besondere Aufmerksamkeit widmete, so geschah das vor allem aus folgenden zwei Gründen. Erstens lag mir daran, einige noch bestehende phonetische Dunkelheiten nach Möglichkeit klarzustellen. Und zweitens glaubte ich, daß mit dem Lernen und Üben der Sprache - natürlich sollten die Ein­gebornen selber meine Lehrmeister sein - ein besonders vor­zügliches Mittel der gegenseitigen Annäherung gegeben sein müßte. Denn wenn mir die Leute auch mit Rücksicht auf meinen Kollegen von Anfang an ein großes Entgegenkommen bezeigten, so war es doch mit der Natur der Dinge gegeben, daß ich, um auch meinerseits zu einem ersprießlichen Arbeiten zu gelangen, mir das Vertrauen gewissermaßen neu erobern mußte. Der Erfolg bestätigte mir bald, daß mit dem Sprachstudium in der Tat ein gutes Mittel solcher Art gegeben war. Nicht nur gestaltete sich auf diese Weise schnell ein vertrautes Verhältnis heraus, sondern es fiel mir dazu noch eine schöne, bisher in der Wissenschaft unbekannte linguistische Entdeckung in den Schoß: die nähere Feststellung und Erklärung der vier' verschiedenen Dialekte der Yagansprache.

Da die Männer während der ersten Wochen unseres Aufent­haltes für gewöhnlich abwesend waren, so mußten im allgemeinen Frauen meine Sprachlehrerinnen sein. Vier kamen als solche im besonderen in Betracht. An erster Stelle Señora Laurence, die, wie alles andere, so auch diese Sitzungen mit unermüdlicher Umsicht und Ausdauer zu arrangieren wußte. Bei ihrer leidlichen Kenntnis des Spanischen und Englischen war sie auch stets in der Lage, die wünschenswerten Dolmetscherdienste zu leisten. Sie zog zu diesen Zusammenkünften dann ferner die drei be­tagten, aber noch nicht übermäßig alten Frauen Peine (Taf. VIII b),Walter (Taf. IX a) und Emilia heran. Altere Personen wurden deshalb vor allem gewählt, weil diese im einzelnen Falle besser um das wirklich unverfälschte Alte noch wissen als die jüngeren, die, zum Teil wenigstens, in diesem oder jenem schon unsicher geworden sind. Zu diesem Sprachstudium kamen wir gewöhnlich des Nach­mittags zusammen. Señora Laurence sorgte in freundlicher Weise, daß dann die kleine Schulstube, in welcher der Hauslehrer am Vormittag ihre Kinder unterrichtete, uns zur freien Verfügung stand. Das Situationsbild war dann wohl interessant, wenn nicht gar komisch genug. Meine Lehrerinnen hockten, ihrer alten Ge­wohnheit gemäß, auch hier am liebsten neben den Stühlen und Bänken auf dem flachen Boden, während der Schüler meist auf einem Stuhle vor ihnen sich niederließ. Wenn sie so einmal saßen, war es für gewöhnlich nicht allzuschwer, sie mehrere Stunden am Platze und auch bei der Sache zu halten. Die beiden ersten Tage freilich hatte ich ein wenig vergessen, daß meine Sprachlehrerinnen in solcher Tätigkeit nur sehr selten oder vielleicht nie zuvor, fungierten: Durch Señora Laurence ließen sie mir mehrere Male bemerken, daß ich langsamer vorgehen solle, sonst bekämen sie Kopfschmerzen.

Wer freilich nie von Kopfschmerzen oder ähnlichen Beschwerden sprach, das war die gute Señora Laurence selber. Sie hatte immer nur das eine Ziel vor Augen: uns zu einem vollen Erfolge zu verhelfen. In diesem Sinne auch auf ihre Landsleute einzuwirken, erlahmte sie niemals. Eine ältere Frau, die Gemahlin des Pedro (Mašemikens) (Taf. VIIIa), von ihr bei einer anderen ähnlichen Gelegenheit einmal herbeigerufen, ließ sich entschuldigen, sie habe Kopfschmerzen und könne daher nicht kommen. Darüber nicht wenigentrüstet, ließ Señora Laurence ihr unverzüglich ausrichten: „Nicht Kopfschmerzen! Sie soll kommen und helfen. Wenn Martin und Willy nächstens wieder abgereist sind, hat sie hinreichend Zeit, sich wieder auszuruhen!"

Die zweite meiner Lehrerinnen, die gute alte Peine, sah zwar aus wie eine leibhaftige Hexe, besaß aber ein goldenes Herz. Ja, ich bemerkte bald, daß sie viel zu gnädig mit mir war. Wenn ich versuchte, ein Wort nachzusprechen und dann fragte, ob es so recht sei, dann antwortete sie stets: "Yes, Allright!" Es kam ihr auf eine Handvoll offenbar gar nicht an.

Um so kritischer war die dritte Lehrerin, Frau Walter. Das hing wohl mit dem ästhetischen Gefühl zusammen, das diese Indianerin überhaupt auszeichnete, und wie wir es später bei Gelegenheit des Festes der Jugendweihe nach einer neuen Seite bin noch besser kennenlernen konnten: keine verstand dort so graziös das Tanzbein zu schwingen wie Frau Walter. So gut wie nie stellte sie mein erster Versuch, ein von ihr vorgesagtes Wort nachzusprechen, schonzufrieden. Gewöhnlich hielt sie es für nötig, mich mehrere Male zu korrigieren und das Wort wiederholen zu lassen. Die fragenden Blicke, die sie dabei auf mich zu richten pflegte, vergesse ich nie. Mir schien nämlich, als wolle sie sagen: „Ich glaube, bei dir ist doch Hopfen und Malz verloren, du lernst unsere schöne Yagansprache nimmermehr!" Wenn es mir nun trotzdem hin und wieder gelang, sie mit meinen Leistungen ganz zufriedenzustellen, dann kargte sie nicht mit lautem Beifall. Freilich verriet das gedehnte "Aahaa!", mit dem sie mich dann belohnte, einen eigenartigen Beigeschmack. Es klang so, als wollte sie sagen: „Viel ist's nicht, aber immer noch mehr, als ich erwartete!"

Meine vierte Lehrtante war die alte Emilia. Emilia kann sich rühmen, das aus dem weitesten Süden stammende Menschenkind zu sein: ihre Heimat ist die unweit Kap Horn gelegene Insel Wollaston. Nicht allzuviel Intelligenz und ein ruhiges Phlegma kennzeichnen Emilias Wesen. In der ersten Zeit meldete sie sich von selber fast gar nicht zu Wort. Sobald ich aber bemerkte, daß sie über eine besonders schöne und klare Aussprache verfügte, sorgte ich dafür, daß sie aus dem Dunkel des Schweigens mehr und mehr heraustrat.

Und hierbei nun stellte sich auf einmal heraus, daß Emilia in diesem oder jenem Fall ein anderes Wort bereit hatte, als wie ich es von den übrigen Frauen zu hören bekam. Die Entdeckung von verschiedenen Dialekten in der Yagansprache war gemacht. Dem näher nachzugehen; mußte als eine besonders reizvolle Forscheraufgabe erscheinen. Das weitere Befragen, eine Besprechung auch mit Fred. Laurence ergab, daß die Yagansprache von Haus aus über fünf deutlich voneinander verschiedene Dialekte verfügte: diese waren der West-, der Ost-, der Süd-, der Zentral- und Wollastoninseldialekt.

Da die Zahl der Stammesmitglieder heute eine so geringe ist und diese seit Jahren mehr oder weniger durcheinander gewürfelt sind, bereitete es einige Schwierigkeiten, die dialektischen Unterschiede genauer festzulegen. Aber immerhin war es doch noch möglich, sie, wenn auch nicht ihrem tatsächlichen Umfange, so doch ihrem Charakter nach zu erfassen. Nicht nur einzelne Worte, sondern auch Satzkonstruktionen waren fallweise verschieden, so daß es am Anfange schon einige Schwierigkeiten hatte, wenn Leute verschiedener Distrikte einander gegenübergestellt sich verständigen wollten.

Das Kapitel über mein Sprachstudium des Yagan möchte ich hier beschließen mit einem Hinweis auf das fabelhafte Gedächtnis, durch das mich meine Lehrerinnen mehrere Male nicht wenig in Erstaunen setzten. Das Gedächtnis der Yagan ist allgemein vorzüglich entwickelt, und das hängt zum Gutteil gewiß auch damit zusammen, daß sie in Ermangelung jeglicher Schrift dessen mehr benötigen als wir. Passierte es mir im Laufe der Zeit, daß ich ein früher schon behandeltes und niedergeschriebenes Wort wiederholte, so tönte es mir jedesmal todsicher entgegen: „Das hast du ja schon aufgeschrieben!" Da mir dieser Lapsus schließlich mehrere Male unterlief, konnte die gute Señora Laurence doch einmal nicht mehr zurückhalten und bemerkte mir offen und ehrlich: „Ich hätte doch geglaubt, du besäßest ein besseres Gedächtnis!"

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EINE REITTOUR AUF FEUERLAND

Neben dem Sprachstudium pflegten wir im weiteren Verlauf des Monats Januar die gesamte übrige Ethnographie (ursprüngliches wirtschaftliches, familiales und gesellschaftliches Leben, Mythenkunde, Sitten und Bräuche aller Art) des Yaganstammes, im besonderen natürlich der Gebiete, welche Gusinde auf seinen beiden früheren Reisen noch nicht eingehender hatte wahrnehmen können. Als vorzüglichstes Hilfsmittel erwies sich in dieser Hinsicht die in der Einleitung schon erwähnte Feuerlandbibliographie von J. M. Cooper. Dieselbe läßt von Fall zu Fall sofort erkennen, wo die bisherige Yaganforschung ihre Lücken noch aufweist. Soweit heute überhaupt noch möglich, glauben wir diese Lücken gefüllt zu haben, und wir denken die Resultate auch dieser Untersuchungen in der wissenschaftlichen Veröffentlichung unserer Reise der Fachwelt in nicht zu ferner Zeit vorlegen zu können. Soweit die gewonnenen Ergebnisse auch ein weiteres Publikum interessieren können, werden sie hier und dort den weiteren Ausführungen eingeflochten werden und damit entsprechend zur Geltung gelangen.

Nun konnte aber im Monat Januar noch von uns auch die Hauptentdeckung zur bis jetzt völlig unbekannt gebliebenen Religion der Yagan gemacht werden. Die Darlegung dieser Tatsachen stellen wir aber zunächst noch zurück und gehen hier gleich dazu über, von den Arbeiten und Erfolgen zu berichten, die vom 1. Februar ab unser Anteil waren.

Die Zeit schien gekommen, unseren Plan, auch den Ona-­Indianern einen Besuch abzustatten, zur Ausführung zu bringen. Herr Fred Laurence hatte die übergroße Liebenswürdigkeit, uns zu diesem Zwecke nicht nur seine besten Leute, sondern auch seine besten Pferde zur Verfügung zu stellen. Perez, ein argentinischer Halbindianer (Gaucho), führte die kleine Karawane, Felipe, ein Vollblutyagan, half ihm dabei.

Ich gestehe, daß mich beim Antritt dieser Tour ein geheimes Grauen anwandelte. Aus gelegentlichen Schilderungen meines Kollegen hatte ich schon entnehmen können, was eine derartige Reiterei auf Feuerland alles besagen will. Dazu trat der Umstand, daß ich seit einer Reihe von Jahren auf keines Pferdes Rücken mehr gesessen. Und nun auf einmal ein so respektables Unternehmen: gut dreißig Reitstunden in drei bis vier aufeinanderfolgenden Tagen zu erledigen! In der Tat, es war ein Glück, daß ich von vornherein nicht wußte, was dieser Ritt alles über mich bringen würde, ich wäre sonst vielleicht davor zurückgeschreckt.

Bei leidlich gutem Wetter brachen wir am Morgen des 1. Februar von Punta, Remolino auf und gelangten an diesem Tage bis zu dem etwa sieben bis acht Reitstunden entfernten Harbarton. So weit mußte zunächst ostwärts geritten werden, um dann von dort aus in südnördlicher Richtung die Kordillere über­queren zu können. Der erste Tag weihte mich gleich gründlich ein. Mit einer nicht geringen Überraschung fing die Sache an; mein so hochgepriesener Brauner weigerte sich ganz entschieden, mit mir überhaupt nur von der Stelle zu rücken. Nach euro­päischer Manier hatte ich ihn fest in die Zügel genommen. Die Feuerlandpferde sind aber anders dressiert: sie verlangen lockere Zügel. Perez, unser Karawanenführer, gibt mir die entsprechende Belehrung, und so setzt auch mein Gaul sich in Bewegung, ja läuft bald viel schneller, als mir, für den Anfang wenigstens, eigent­lich lieb ist.

Doch die guten Wege sind bald alle. Es beginnen die typischen Feuerlandwege oder, genauer gesagt, die der Feuerlandkordillere, Wege, welche jedes Galoppieren und Traben, wenn nicht gerade immer, so doch meistens unmöglich machen.

Was da auf Feuerland nicht alles Weg, ja sogar „Regierungsweg" (camino del govierno!) genannt wird! Wo das Terrain am günstigsten erscheint, da wird eine sogenannte Picade geschlagen, ein gerade für Roß und Reiter Raum gewährender Durchgang geschaffen. Größere Flüsse erhalten eine Art Brücke, kleinere werden durchwatet. Unergründliche Sümpfe sind mit einer Planchada (Knütteldamm) bedeckt; wie der Gaul durch die übrigen, nicht gerade lebensgefährlichen, sich und seine Last hindurchbringt, das ist seine Sache, nur steckenbleiben darf er nicht. Dasselbe gilt, wenn es, was nicht selten der Fall ist, ganz steil bergauf oder bergab, oder auch an tiefen unheimlich gähnenden Abgründen vorbeigeht.

Und wie oft treten zu all den genannten noch unerwartete Hindernisse hinzu! Die in jenen Regionen so häufigen und heftigen Unwetter verrichten, jeglichen Menschenwitzes spottend, ihre Werke. An der einen Stelle haben die Wasser die Knütteldämme weggerissen: nur mit Mühe und Not ist durchzukommen. Alles muß absitzen. Von dem einen Baumstamm zum anderen springend bringen zuerst die Reiter ihr Leben in Sicherheit. Das Rößlein wird an einer langen Leine nachgezogen. Bis an den Leib und weiter sinkt es in den Morast. Jedoch frei von jeder Last, vermag es doch auf allen vieren schnell sich durchzuarbeiten. Andernorts hat der Sturm schwere und dicke Urwaldriesen nieder und gerade quer über den Weg gelegt. Die Pferdchen prüfen die Situation. Ist das Hindernis nicht allzu hoch, so setzen sie leichtfüßig darüber hinweg. Geht das nicht, dann muß das Hindernis umgangen, hier ein neuer Weg geschaffen werden. Wie leicht festzustellen ist, hat sich dieser Prozeß auf unserem Wege wohl schon Hunderte Male wiederholt. Die natürliche Folge davon ist, daß sein Kurs nicht nur stets zickzackförmiger verläuft, sondern auch immer mehr an Länge gewinnt.

Bei dem Martyrium, das am ersten langen Tage besonders das Reiten für mich bedeutete, hatte ich nur lebhaft zu bedauern, die „Romantik" der Feuerlandwege nicht besser genießen zu können. Abends gegen sieben Uhr rückten wir in Harbarton ein, zermalmt die Glieder und wie gerädert das Gebein. Die überaus liebe Gastfreundschaft indes, die wir im trauten Heim des Herrn Captain Nielson fanden, machte bald ein Gutteil von dem Leid und Weh des Tages vergessen.

Der nächste Tag begann mit Regen. Da es sich später doch aufklärte, so brachen wir gegen zehn Uhr vormittags noch auf und strebten nun nordwärts direkt der Kordillere zu. Die Hoffnung, bis zum Abend des Tages noch hinüber bis zur nächsten Farm am Lago Fagnano, von Harbarton zehn bis elf Reitstunden entfernt, zu gelangen, war bei uns von vornherein nicht allzu groß. So begleitete uns denn ständig der Gedanke, die bevorstehende Nacht irgendwo in der kalten und rauhen Kordillere überstehen zu müssen.

Vorerst hatten wir guten Weg, bis uns nach zweistündigem Ritt ein Baumstamm von gewaltiger Dicke den Durchgang verwehrte. Alles Suchen und Probieren half nichts. Es mußte die Axt hervorgeholt und der ganze Koloß durchschlagen werden. Unsere beiden Getreuen wechselten sich bei der Arbeit ab. Währenddessen bereiteten wir das Mittagmahl, bestehend aus einer am Spieß gebratenen Hammelkeule, mit Brot und Tee dazu.

Der Begriff der Zeit geht, wie allen Indianern, so auch denen, die uns führen, ab. Hindernisbeseitigung und Einnahme des Mittagmahles nahmen reichlich zwei Stunden in Anspruch, obwohl eine gute Stunde dafür gewiß auch hätte ausreichen können. Nun wurde aber endlich Ernst gemacht. Die vor uns liegende ebenso kahle als steinige Kordillere konnte in scharfem, dreistündigen Ritt genommen werden. Gegen fünf Uhr war diese Leistung vollbracht. Eine Entlohnung für die aufgewandte Mühe bot das herrliche Bild, welches der Blick weit in die Feuerland­ebene hinein und im besonderen auf den in der Ferne schim­mernden und grüßenden Lago Fagnano gewährte. Keine geringe Erhöhung unserer Freude bedeutete der Anblick einer weidenden Guanaco-Herde. Am Abhang eines Berges uns zur Rechten zählen wir etwa ein Dutzend Tiere, die, da wir bei der weiten Entfernung unbemerkt geblieben waren, ruhig weiterästen.

Der Abstieg an der Nordseite der Kordillere ist ebenso steil als beschwerlich. Wir bemerkten auch bald, daß auf dieser Seite des Gebirges in jüngster Zeit ungewöhnlich starke Regen mengen niedergegangen waren. Der mehrere Reitstunden sich hinziehende Waldweg glich einem Sumpf- und Schlammbett ohne Ende. Die Pferdchen hatten ständig angestrengteste Arbeit zu leisten.

Wir ritten, solange sich reiten ließ, d. h. bis zum Eintritt der Dunkelheit. Dann wurde haltgemacht und in der Einsamkeit des Feuerlandwaldes biwakiert. Das Feuermachen liegt den Feuerland -Indianern im Blute. Das war denn auch jetzt die erste Sorge. Und siehe, trotz der herrschenden Feuchtigkeit erfreute uns doch bald ein lustig knisterndes, Wärme und Licht spendendes Lagerfeuer.

Unsere Indianer schicken sich an, in gewohnter Weise das Abendessen zu bereiten. Die Hammelkeulen, die wir mitgeführt, zeigen die Spuren des Kampftages: sie sind über und über mit Schlamm und Kot bedeckt. Einfach von außen an die Sättel gebunden, waren sie nicht selten von dem aufspritzenden Unrat erreicht worden, ebenso wie auch Roß und Reiter davon nicht verschont geblieben waren. Als Perez die so in einer Schlammschicht konservierte Keule an den Spieß steckte und ans Feuer brachte, konnte er nicht umhin zu bemerken, daß ich, der Herr aus Wien, einen solchen Braten gewiß noch nicht gegessen hätte. In der Tat, er hatte wohl recht. Aber trotzdem mundete es auch mir. Einerseits hatte sich ein guter Appetit entwickelt, andererseits sah ich, wie schließlich die erdhafte Schicht säuberlich weggeschnitten wurde, und so immer noch ein schätzenswerter Festbraten übrigblieb.

So nahe dem Feuer als möglich bereiten wir unser Nachtquartier. Auch das ist schnell geschehen. Wie die Indianer, so breiten auch wir etliche Buchenzweige auf dem Boden aus, darüber dann die Pferdedecke, den Sattel zum „Kopfkissen", und das Paradebett ist fertig.

Als Überbett dient eine Felddecke und der wasserdichte Überzieher, mit dem wir ausgerüstet sind. Kaum schicken wir uns an einzuschlafen, da beginnt es zu regnen. Leise und bedächtig rieseln die Tropfen durch die Blätter und Zweige des im übrigen so geheimnisvoll stillen Feuerlandwaldes. Ich zog den Wassermantel dichter über meinem Lager zurecht und machte mich auf alles gefaßt. Doch es blieb bei einer bloßen Drohung. Als ich zwischen ein und zwei Uhr einmal aufwachte, schauten die Sternlein klar vom Himmel hernieder. Sie blickten so freundlich durch die Zweige, daß ich fast glaubte, sie hätten uns zuliebe die regenschweren Wolken hinweggezaubert oder anderswohin geschickt.

Am nächsten Morgen sollte spätestens um sieben Uhr aufgebrochen werden. Wir waren aber schließlich froh, als es um acht Uhr schon losgehen konnte. Stets das alte Lied: Die Indianer kennen keine Zeit. Sollen wir sie deshalb tadeln? Nein, dazu haben wir wenig Grund. Denn nicht sie haben uns, sondern wir haben sie aufgesucht. Also haben sie wohl ein gewisses Recht darauf, daß wir uns weitmöglichst ihren Auffassungen vom Leben anbequemen. Was geht das die Indianer an, wenn wir uns eine hast- und unrastschwangere Kultur­gestaltung geschaffen? Es läßt sich auch anders leben, und diese Art des Lebens hat gewiß auch ihre Vorzüge.

Nach einem Ritt von etwa drei Stunden treten wir aus dem Gebiet der Feuerland­ Kordillere endgültig heraus. Hier begegnen wir den ersten Ona-Indianern (Taf. XXI). Es sind nur wenige Individuen. Aber sie genügen, um einen Begriff zu vermitteln von den stattlichen, breitschultrigen Gestalten, welche die Ona allgemein repräsentieren. Aber mehr noch freut mich dann zu sehen, wie mein Kollege sich auch die Onaherzen

bei Gelegenheit seiner früheren Reisen erobert hat. Besonders der alte Kazike Ventura zeigt aufrichtige Freude über das un­erwartete Wiedersehen. Doch wir müssen weiter. Wir sind noch lange nicht am Ziel, noch lange nicht dort, wo wir mehr Ona-Indianer anzutreffen hoffen.

Eine Stunde Reitens noch und wir steigen ab in der kleinen, den Salesianerpatres gehörigen Farm am Lago Fagnano. Wir rasten eine gute Stunde, dann geht's wieder weiter dem Norden zu,

So groß und mannigfaltig die Hindernisse waren auf dem bisher zurückgelegten Wege, so wenige sind ihrer jetzt. Frei und offen breitet die schier endlose Ebene sich vor uns aus. Dem geübten Reitersmann eine Lust und ein Vergnügen, mir ein Grauen. Traben und Galoppieren bereitete mir stets größere Qualen. Ich mußte schließlich, von einem eigenartigen Fieber (Reitfieber!) erfaßt, kapitulieren, es ging nicht mehr. Nur im Schritt konnte ich - in diesem Aufzug wohl in manchem erinnernd an den berühmten „Ritter von der traurigen Gestalt" - mit Müh und Not noch weiter. Mein Kollege blieb bei mir. So trotteten wir langsam nach, während die übrige Gesellschaft - am Lager Fagnano hatten wir einigen Zuwachs bekommen - sich auf und davon machte. In Nuevo Harbarton, ungefähr in der Mitte zwischen dem Lago Fagnano und unserem Zielpunkte, der Estancia (= Farm) Viamonte, gelegen, sollte es am Abend ein Wiedersehen geben.

Gegen siebeneinhalb Uhr konnten auch wir endlich in Nuevo Harbarton absteigen, nachdem unsere Reisegesellschaft dort schon gegen sechs Uhr angekommen war. Von weitem schon vernahmen wir fürchterliches Hundegekläff, und als wir näher rückten, stürzte die ganze, wohl dreißig Köpfe zählende Meute auf uns hin. Aber auch auf Feuerland gilt: Hunde, die bellen, beißen nicht. So­bald wir im Bereiche des Lagers waren, zog die Bande sich zurück, auf ein neues, ihrer Aufmerksamkeit würdiges Objekt wartend. Die Überanstrengung hatte mich so durcheinander­gebracht, daß fast jeder Appetit fehlte. Ich fühlte nur zu deut­lich, daß ich noch fieberte. Da im ganzen Lager wohl an die fünfundzwanzig Personen versammelt waren, Weiße und Indianer bunt genug durcheinandergewürfelt, so war es schwer, eine Unter­kunft zu finden. Nicht Weiße, sondern Ona-Indianer erbarmten sich schließlich unser; jeder von uns fand ein Ruheplätzchen in einem kleinen, niedrigen Indianerzelt. Ich teilte das Quartier mit einem jungen, in den besten Jahren stehenden Manne, dessen herkulische Erscheinung mir abermals Respekt und Verwunderung vor der Onarasse einflößte. Die Wohltat eines auch nur be­scheidenen Obdaches wußten wir um so mehr zu schätzen, als in der Nacht ergiebige Regenschauer niedergingen. Der Regen freilich trieb dann die Hunde in die Zelte hinein, und so gab es während der Nacht noch allerlei Besuch.

Am folgenden Morgen (Samstag, dem 4. Februar) Aufbruch zur letzten Tour, es winkte das Ziel! In den ersten Stunden gelang es mir noch, ein wenig mitzutraben. Dann aber wieder holte sich das Spiel des vorhergehenden Tages. Langsam nur vermochte ich hinter meiner Reisegesellschaft einherzutrotten. Aber diese pausierte so oft und so lange, daß ich sie immer wieder einholte und schließlich mit ihr zwischen zwei und drei Uhr nachmittags den Einzug in den Komplex der Estancia Viamonte halten konnte. Meine erste Reittour auf Feuerland hatte damit ihren Abschluß gefunden. Ein „Gott sei Dank", so aufrichtig und ehrlich wie selten zuvor, entstieg meiner Brust.

Die Estancia liegt am Atlantischen Ozean. Schon einige Stunden vorher war er auf einmal in unser Gesichtsfeld getreten. Er bildete uns eine angenehme Abwechslung und Überraschung. Welche Gefühle und Erinnerungen rief er nicht wach in unserer Brust! Und wir versäumten nicht, ihm viele, viele Grüße aufzutragen an alle unsere Lieben fern in der europäischen Heimat.

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EINE WOCHE BEI DEN ONA-INDIANERN

Unsere ursprüngliche Absicht, bei den Ona mehrere Wochen, gegebenenfalls einen ganzen Monat zu verbringen, änderten wir bald nach dem Eintreffen in der Estancia Viamonte. Infolge eines Zerwürfnisses mit dem Herrn der Farm waren nur wenige Indianer bei der Schafschur mittätig. Die meisten Familien waren abwesend und zerstreut. Angesichts dieser Lage der Dinge stellten wir uns bald auf einen nur einwöchigen Aufenthalt ein. Einerseits bedurften Roß und Reiter einer gründlichen Erholung, anderseits wollten wir sehen, was sich bei den wenigen anwesen­den Indianern für unsere Zwecke immer noch erreichen ließe.

Unser Quartier hatten wir dieses Mal zur Abwechslung im „Armenviertel" aufzuschlagen. Die Besitzer dieser Farm (Bridges Söhne) übten nicht dieselbe entgegenkommende Gastfreundschaft aus, , wie wir sie bei den Laurence gewohnt waren. Der Herrschaft hier waren wir offenbar wenig bequem. In das herrschaft­liche Haus (die Casa grande) wurden wir überhaupt kein einziges Mal geladen. Wir befanden uns da übrigens in guter Gesellschaft. Denn einer aus fünf Herren bestehenden naturwissenschaftlichen Expedition, die im Jahr zuvor von Buenos Aires nach hier entsandt war und eine Reihe von Wochen verweilte, war es um kein Haar besser ergangen.

Schwer haben wir unter dieser Behandlung von Seiten der reichen Herrschaft wirklich nicht gelitten. Es erwachte vielmehr ein Gefühl des Mitleids mit diesen europäischen „Feuerländern", die hier, fern von allen Zentren höherer Kultur und Gesittung, geboren und erzogen, mit bestem Willen nicht immer wissen können, was sich schickt oder nicht. Die Wahrheit-. Reichtum allein bedeutet keineswegs Bildung! fanden wir selten so trefflich illustriert wie in diesem Falle. Daß es indes auch auf Feuerland nicht unmöglich ist, Herzensbildung zu bewahren und zu pflegen, dafür bot die Familie Laurence mit allen ihren Gliedern immer wieder das schönste Beispiel.

Übrigens auch im „Armenquartier" der Estancia Viamonte leuchtete uns trotz allem die Sonne herzlichster und aufrichtigster Gastfreundschaft. Dankbar werden wir stets dessen gedenken, was Herr Zirotti (als Angestellter zur Estancia gehörig) und dessen Gemahlin uns in diesen acht Tagen an Aufmerksamkeit und Liebe bezeigten. Herr Zirotti ist geborener Italiener, während wir in seiner Frau Gemahlin eine deutsche Landsmännin be­grüßen und verehren durften. Ähnlich wie im Kreise der Familie Laurence fühlten wir uns auch hier in allem wie zu Hause.

Obwohl auf das äußerste ermüdet, unterließen wir doch nicht, den anwesenden vier bis sechs Onafamilien gleich im Laufe des ersten Nachmittags noch unseren „Antrittsbesuch" abzustatten. Besonders bei denjenigen, die meinen Kollegen schon früher näher kennengelernt hatten, löste unser Erscheinen große Freude aus. Die mitgebrachten Photographien verfehlten auch hier ihre Wirkung nicht.

Ich fand aber auch bald schon schöne Gelegenheit, die bestehenden großen Temperamentsunterschiede zwischen den Yagan und den Ona zu beobachten. Von dem schüchternen und direkt ängstlichen Wesen, das einem im Verkehr mit den Yagan vielfach auffällig entgegentritt, ist bei den Ona im allgemeinen gar nichts zu bemerken. Im Gegenteil, ihre selbstherrliche Natur ­und Charakteranlage neigt vielmehr dazu, wie alle anderen, so auch uns, soweit nur möglich, von oben herab zu behandeln. So zeigen sich die Ona nicht nur nach Sprache und Körper, sondern auch der ganzen geistigen Verfassung nach sehr stark von den Yagan verschieden.

Mehrere der gerade anwesenden Familien sah auch mein Kollege zum ersten Male. Er bemühte sich daher, bald zu neuen photographischen Aufnahmen zu kommen. Wir vermißten dabei vielfach die uns bei den Yagan geläufige Willigkeit. Mehrere alte Frauen weigerten sich ganz energisch, vor den Apparat zu treten. Mit besonderer Entrüstung aber wiesen sie unsere Zumutung, sich mit der Capa (Guanacofell-Mantel) photographieren zu lassen, zurück. Sie seien keine Salvajes („Wilde") mehr. Die Capa hätten sie früher getragen, aber jetzt sei das vorüber. Wir sollten sie uns selber umhängen, wenn wir Lust dazu hätten, wie der nicht uninteressante Redeschwall weiter lautete. Ja, eine Alte, die Frau des (australoiden!) Saipotten, blieb auch fest, als wir mit Geld zu locken suchten. „Nein," sagte sie, „auch für Geld lasse ich mich nicht photographieren!" Ihr Herr Gemahl war freilich anderer Ansicht. Für einen Peso, ein Taschentuch oder eine ähnliche Gabe stand er sofort zu Diensten. Selbst gegen das Photographiertwerden in der großen Capa hatte er nichts, mochte währenddessen seine Alte auch schimpfen wie ein Rohrspatz. Derartige Szenen haben wir bei den Yagan nie erlebt. Für derlei kleine Mißgeschicke entschädigte uns der ebenso vernünftige als intelligente Kazike J. Tschikiol  (Taf. XXIa, oben rechts), der meinem Kollegen schon von seinen beiden früheren Reisen her in guter Freundschaft verbunden war. Tschikiol, einer von den wenigen, welche noch auf der Farm bei der Schafschur beschäftigt waren, mußte eines kranken Fußes willen mehrere Feiertage machen, und diese waren uns gerne gewidmet.

Mein Kollege überprüfte mit seiner Hilfe nochmals die sprachlichen Aufzeichnungen, die er früher schon hatte machen können. Mir bot sich damit eine willkommene Gelegenheit, der interessanten Phonetik der Onasprache meine besondere Auf­merksamkeit zuzuwenden. Ein eigentümliches Geschick hatte über der Erforschung dieser Sprache geschwebt. Von den vielen, die sich gelegentlich um ihr Studium an Ort und Stelle be­mühten, war keiner phonetisch hinreichend geschult gewesen, um uns eine klare Darstellung der Lautverhältnisse schenken zu können. Wenn selber auch erst ein Anfänger auf dem Ge­biete der Phonetik, so erkannte ich doch bald die Natur der am meisten umstrittenen Laute, der in der Onasprache so zahlreich vertretenen Laute mit Kehlkopfverschluß. Sie verleihen dem Idiom in der Tat das charakteristisch Eigentümliche, das seltsame Geknacke beim Sprechen, wie es schon früher nicht schlecht gekenn­zeichnet worden ist. Zumal wenn die Frauen untereinander der Rede freien Strom ergießen lassen, hört sich das wirklich lustig an. Und es könnte der Neuling dann wohl auf den Gedanken kommen, die Onaweiber keifen und streiten miteinander ohne Unterlaß.

Nachdem wir mit den sprachlichen Untersuchungen bis zum (augenblicklich) gewünschten Punkt gekommen, wurde der gute Tschikiol mit einer Unzahl anderweitiger Fragen überschüttet. Es gelang uns, nicht wenige bisher unbekannte oder übersehene Daten, sei es zum wirtschaftlich-sozialen Leben der Ona, sei es zu ihren sonstigen Sitten, Gebräuchen und Anschauungen, zu gewinnen.

Auch die Frage nach der geheimen Jugendweihe, dem Kloketen, beantwortete uns Tschikiol. Aber dabei ging er über gewisse Äußerlichkeiten absolut nicht hinaus. Stellten wir Fragen, auf die eine Antwort zu geben ihm nicht mehr erlaubt war, so brach er ab und stieß kurz hervor: „Yo no se" (ich weiß es nicht). Und nur mit gedämpfter Stimme fügte er bei: „Kommt ins Kolleg (Kloketen), da werdet ihr alles erfahren. Ich darf hier nichts Weiteres sagen, will ich nicht meinen Kopf riskieren." Natürlich drängten wir in solchem Falle nicht mehr. Wir dankten für das Vertrauen, das er mit der Einladung zum Kloketen uns bewies.

Das ewige Fragen und Antworten hatte schließlich auch unseren guten Tschikiol etwas nervös gemacht. Als einmal bei Erklärung eines Mythos mein Kollege etliche Punkte näher auf gehellt wissen wollte und andeutete, daß er die Sache wohl etwas unzureichend dargestellt habe, forderte doch auch seine Onanatur ihre Rechte, indem er hervorplatzte : „Nein, nicht ich bin unklar, sondern du wirfst die Geschichte immer wieder durcheinander!', Ein andermal schrieb er etwas mit Bleistift auf einen Fetzen Papier - Tschikiol hat in der Missionsschule der Salesianerpatres lesen und schreiben gelernt - und zeigte es mir. Ich fragte nach der Bedeutung des Geschriebenen. Darauf schaute er uns schelmisch an und übersetzte: „Ach, was quälen mich doch diese Weißen mit ihren ungezählten Fragen!"

Natürlich wurde Tschikiol schließlich von uns entsprechend entlohnt und beschenkt. Da vergaß er bald die Kopfschmerzen und lebte schnell wieder auf.

Am letzten Tag unseres Aufenthaltes bei den Ona sollten wir noch Zeugen einer Szene sein, die des starken Eindruckes auf uns nicht verfehlen konnte. Auf der Suche nach ethnologischen Objekten sprachen wir schließlich auch im Rancho des alten Saipotten vor. Da überraschten- wir nun . den Alten bei einer Trauerzeremonie, die er im Andenken an seinen vor Jahresfrist verstorbenen Sohn vornahm. Er saß auf einem niedrigen Holzklotz und hatte die Hose bis über die Knie aufgestreift. Mit scharfen Steinsplittern bearbeitete er beide Beine unterhalb des Knies derart, daß das Blut nach allen Seiten in schmalen langen Bahnen hinunterfloß. Ein tiefempfundener Schmerz spielte dabei in seinen Zügen. Da er uns schon kannte und wußte, daß wir seiner nicht spotten würden, so ließ er sich durch unsere Anwesenheit gar nicht stören. Was wir von Tschikiol schon gehört, sahen wir in Wirklichkeit vor uns: eine Art der drakonischen Trauerformen, wie sie auf Feuerland spezifisches Eigengut der Ona sind. Schließlich streifte der Alte seine Hose wieder über die noch blutenden Beine hinunter und hörte auf unsere Wünsche.

Mehrere der Onafamilien leben in modernen ein- oder zweiräumigen mit Wellblech gedeckten Bretterbuden. Auch ein europäischer Ofen oder Herd primitivster Form fehlt in der­artigen Behausungen für gewöhnlich nicht. Andere Familien indes ziehen vor, ihr Dasein in den alten großen (kegelförmigen) Hütten weiterzufristen, in deren Mitte stets das offene Feuer brennt. In der Tat, hier fanden wir uns gerne ein, während das Verweilen in den modernen Hütten große Überwindung kostete. In dem Rancho herrscht nämlich durchgehends hinreichende Sauberkeit, denn aller Unrat und Abfall wandert in das Feuer hinein. In den Wohnungen neuen Stiles dagegen fällt das alles einfach auf den Boden, so daß dieser in einer Schmutz- und Fettschicht förmlich erglänzt und wenig appetitliche Düfte aus­strömen läßt. Gewiß von keinem schlechten Instinkt geleitet er­scheinen jene Indianer, die dazu übergegangen sind - wunder­bare Verkehrung der Ordnung der Dinge! -, die Bretterbaracke zum Vorratshaus zu degradieren und mit Kind und Kegel wieder Einzug zu halten in den guten altbewährten Rancho.

Mit dem, was wir bei den Ona während eines bloß acht­tägigen Aufenthaltes sehen, hören und aufzeichnen konnten, durften wir wohl zufrieden sein. Es ging nicht an, dieses Mal länger zu verweilen, denn bei den Yagan herrschten momentan doch bessere Arbeitsmöglichkeiten, vor allem erwarteten uns dort die geheimen Feste. Immerhin waren bei den Ona nicht allein wertvolle neue ethnologische, soziologische und religions­wissenschaftliche Daten gesammelt, sondern auch günstigere Vor­bedingungen für eine spätere erschöpfende Erforschung (Teilnahme am Kloketen !) geschaffen worden 1.

Textfeld: 1 Von April bis Juli 1923 hat Dr. Gusinde abermals unter den Ona geweilt und besonders auch ihr Kloketen kennengelernt.

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EINE ZWEITE REITTOUR AUF FEUERLAND. DIE HAUSINDIANER

Die Zeit unseres Aufenthaltes bei den Ona im Bereiche der Estancia Viamonte ging zu Ende. Es mußte an die Vorbereitungen für die Heimkehr zu unseren Yagan am Beagle-Kanal gedacht werden. Perez und Felipe, die uns treulich hergeleitet hatten, standen nicht mehr zur Verfügung. Im Dienste ihrer Herrschaft hatten sie, von weiterem Personal unterstützt, hundertzwanzig Stück Rindvieh über die Kordillere zu bringen, ein Unternehmen, dessen Ausführung ungefähr zwei Wochen Zeit und viel Arbeit und Mühe kostete. Es war also nötig, sich nach einem neuen Führer und Helfer für die Heimreise umzusehen.

Nach längerem Suchen und Bemühen fand sich schließlich ein solcher in der Person des dreiundzwanzigjährigen Onaburschen Naviol, der eben beschäftigungslos von einer weiter nördlich gelegenen Farm zurückkehrte. Wir dangen ihn, in Ermangelung eines Besseren. Wo wir auch immer Erkundigungen über Naviols Charakter und Zuverlässigkeit einzuziehen suchten, überall ant­wortete man uns entweder mit einem bloßen Achselzucken oder man sagte uns auch geradeheraus: „Sie können froh sein, wenn das gut geht."

In der Tat, unser Naviol fing schon an zu versagen, wo wir noch gar nicht auf der Tour, sondern erst beim Rüsten waren. Für Pferde und Gepäck hatten wir wesentlich selber zu sorgen. Dafür vergaß er aber nicht, an die Bedürfnisse seiner eigenen Persönlichkeit zu denken. So erinnerte er an die Ziga­retten, die er unterwegs doch rauchen müsse; eine große Schachtel voll, im Preise von zehn argentinischen Pesos, komme ihm doch zu. Wir kauften ihm welche, aber natürlich nicht die von ihm gewünschte Menge.

Gegen Mittag des 11. Februar war schließlich alles zum Aufbruch bereit. Der Abend des Tages sah uns in der Gegend von Nuevo Harbarton. In einer leerstehenden Holzbaracke schlugen wir unser Nachtquartier auf. Naviol äußerte die Absicht, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen: nicht weit weg hoffte er gute Freunde zu finden. Wir untersagten ihm diese Spritztour, denn wir hegten die Überzeugung, daß er dann gar nicht mehr oder vielleicht erst in einigen Tagen zu uns zurückkehren würde.

Während der Nacht gingen tüchtige Regenschauer nieder, so daß wir froh waren, ein schützendes Dach über unseres Häuptern zu haben.

Der nächste Tag brachte uns weiter bis zu der den Sale­sianerpatres gehörigen Estancia am Lago Fagnano. Unterwegs sorgte Naviol für die nötigen Abenteuer. Wir bemerkten, daß er einen anderen Weg eingeschlagen, als wie wir ihn gut acht Tage zuvor geritten waren. In der Meinung, er kenne sich aus in seinem Heimatlande und wolle den Weg nur abkürzen, ließen wir ihn gewähren und folgten ihm. Auf einmal aber sitzen wir mitten in Sumpf und Wildnis, ohne Weg und Steg. Auf eine Vorstellung meines Kollegen antwortet Naviol in aller Gelassen­heit, daß er den Weg überhaupt nicht kenne.

Eine schöne Überraschung für uns. Ich schaute fragend auf meinen Kollegen. Der aber erinnerte nur daran, daß wir eben auf Feuerland sind, wo einen nichts überraschen darf. Also jetzt heißt es, auch selber den Weg noch zu suchen und unseren Führer führen.

Die Sonne am Himmel wenigstens bleibt uns treu. Sie gibt die Richtung an, die wir einzuhalten haben. Wir müssen süd­wärts, also haben wir darauf zu schauen, daß die Sonne uns stets gerade im Rücken steht. So fühlen wir, je nach der Be­schaffenheit des Terrains, langsamer oder schneller vor, bis wir, nach ungefähr zweistündigem Herumirren, die „große Heerstraße" wieder unter unseren Füßen hatten.

Gegen sechs Uhr abends sitzen wir ab in der Estancia am Lago Fagnano, wo Garibaldi (ein Hausmischling) als derzeitiger Farmleiter uns ein möglichst angenehmes Nachtquartier zu schaffen bestrebt ist. Wir lernen in ihm bald einen ebenso intelligenten als vernünftigen Mann von etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahren kennen und schätzen. Gerne gibt er uns allerhand Daten über den Stamm, dem er wenigstens halbblütig angehört. Nach seinen Mitteilungen hatten die Haus eine von dem Ona-Idiom ver­schiedene Sprache, wenn im übrigen auch die Beziehungen zwischen Haus und Ona stets enge und freundschaftliche waren. Die Haus bewohnten wesentlich die südöstlichen Teile der Insel Feuerland. Fünf rassenreine Individuen sind heute von diesem Stamme noch übrig, darunter die etwa neunzig Jahre zählende Großmutter unseres Gewährsmannes.

Seine weiteren Schilderungen lassen uns bald klar erkennen, daß die Kultur der Haus in der Tat die stärkste Verwandtschaft mit derjenigen der Ona aufweist. Es treten auch einzelne Unter­schiede zutage, aber vielfach reduzieren sie sich bei näherem Zusehen auf einen bloßen Unterschied in der Bezeichnung.

Da die Zahl der Haus seit einer Reihe von Jahren schon eine so geringe ist, so sind die wenigen übrigen Individuen natur­gemäß darauf angewiesen, viel oder gar ausschließlich mit stammesfremden Elementen zu verkehren. Es entging uns nicht, daß auch bei Garibaldi, der meistens entweder mit Ona-Indianern oder mit Euro­päern zusammenlebte, öfters keine klare Vorstellung mehr darüber vorhanden war, ob irgendein Brauch oder eine Anschauung ur­sprünglich den Haus oder den Ona eigentümlich war. Ohne Zweifel wurde von ihm mehreres durcheinander geworfen. Wir wissen wohl, daß unsere bezüglichen Aufzeichnungen deshalb nur einen relativen Wert besitzen'.

Es bewegte uns tief, einen der letzten Sprossen des Haus­stammes so vor uns und sich abmühen zu sehen, um wenigstens noch irgendein treues Bild von dem Denken und Leben seiner Ahnen zu vermitteln. Wenige Jahre noch, und die Entwicklung bei den übrigen Feuerlandstämmen dürfte an demselben Punkte stehen. Die Bedeutung der Arbeit, die wir bei diesen noch leisten wollten und konnten, zeigte sich uns hier in einem neuen Lichte. Und wir erneuerten in uns den Vorsatz, da unser Möglichstes und Bestes auch fürderhin zu tun.

Am folgenden Tage sollte früh aufgebrochen werden, damit, wenn irgend möglich, die lange elf- bis zwölfstündige Tour über die Kordillere an einem Tage erledigt werde. Naviol erhielt die entsprechenden Weisungen, im besonderen wurde ihm ans Herz gelegt, schon um fünf Uhr früh die Pferde zusammenzusuchen und alles bereitzumachen für den Abmarsch.

Nach den bisherigen Leistungen Naviols durften wir wohl den Argwohn hegen, daß er auch dieses Mal versagen würde. Richtig, es wurde schon fünfeinhalb Uhr und noch etwas später

und von unserem Naviol zeigte sich noch immer keine Spur. Mein Kollege geht zu seiner Lagerstatt, und findet ihn tatsäch­lich noch in den „Federn". Auf die Frage, wo denn das hinaus solle, da er doch längst schon mit den

Pferden zur Stelle sein müßte, erwiderte er meinem Kollegen ohne Scheu und Scham, ob er selber die Pferde mittlerweile nicht schon geholt hätte! Es wurde uns immer klarer, daß wir es bei Naviol - wenn auch noch so weit von Rußland - doch mit einem bolschewikisch stark angehauchten Individuum zu tun hatten.

Infolge seiner Widerhaarigkeit und Saumseligkeit verspätete sich unser Aufbruch um volle zwei Stunden. Natürlich war die Folge davon ein abermaliges Übernachten mitten auf der hohen Kordillere. Eine nach drei Seiten geschlossene Bretterhütte bot uns einigen willkommenen Schutz gegen, die empfindliche und schneidende Kälte der Nacht. Denn dieser hatten wir selber um so :weniger Widerstand entgegenzusetzen, als der Magen so gut wie leer war. Und auch dieses Mißgeschick stand auf Naviols Schuldkonto. Auf der Estancia am Lago hatte er unsere mitgeführte Hammelkeule am Boden liegen und so eine Beute der hungrigen Hunde werden lassen. Nun, wo er sich und uns auf luftiger Höhe nach langer und beschwerlicher Tour den gewohnten Spießbraten bereiten sollte, bemerkte er zu seiner und unserer Überraschung, daß kaum mehr als die Knochen übrig waren!

Am nächsten Morgen fanden wir, daß in puncto Magenfrage unser Naviol auch sterblich war. Wir brauchten dieses gar nicht zu drängen, bald die Pferde zu holen und alles marschbereit zu machen, er tat das von selber schon. Gegen seine Eile hatten wir nicht nur nichts einzuwenden, sondern förderten sie nach bestem Vermögen. Zu Mittag standen wir schon am Beagle-Kanal und stiegen abermals im gastlichen Hause des Herrn Captain Nielson ab.

Den Nachmittag des Tages wollten wir besonders auch dazu benutzen, die Frau eines gewissen hier in Harbarton beschäftigten Arbeiters namens Gomez ethnographisch auszufragen, bzw. auch zu photographieren. Denn diese Frau ist eine der wenigen noch lebenden Mitglieder des Stammes der Haus, für den wir durch die Unterredung mit Garibaldi am Lago Fagnano naturgemäß neues Interesse gewonnen hatten. Hier hatten wir aber die Rech­nung ohne den Wirt gemacht. Als wir bei Gomez vorsichtig mit unseren Wünschen hervorrückten und fragten, ob wir seine Frau nicht sehen und befragen könnten, sie sei ja eine Haus, da antwortete er immer nur: "Yo no se, Señor! Yo no se, Señor !" Ich weiß es nicht, mein Herr! Er wollte nicht, absolut nicht, aus welchem Grunde eigentlich, das wurde uns nicht vollkommen klar.

Da Naviol seinen Hunger gründlich hatte stillen können, so nahm das Pferdesuchen und Satteln am nächsten Morgen wieder einige Stunden Zeit in Anspruch. Immerhin standen wir zwischen neun und zehn Uhr doch schon reisefertig da. Aber jetzt gab's plötzlich eine Überraschung, auf die keiner von uns gefaßt war. Naviol weigerte sich entschieden, uns fernerhin zu begleiten. Er forderte seinen Lohn, um dann kurzerhand umzu­kehren und uns unserem Schicksal zu überlassen. Auf die er­staunte Frage meines Kollegen, woher und warum ihm denn auf einmal dieser Einfall komme, gab er immer wieder nur die eine Antwort: "No quiero!" Ich will nicht!

Wir sind auf Feuerland. Es ist uns bald klar, da ist einfach nichts zu machen. Naviol bekommt seinen Lohn, aber auch eine gesalzene Predigt dazu. Sein Sündenregister wird ihm vorgehalten und daran erinnert, wie er durch sein Verhalten nicht nur sich, sondern auch seinen Stammesgenossen schweren Schaden zugefügt. Wir hoffen, daß er sich bessert, und lassen ihn ziehen.

Captain Nielson, freundlich und zuvorkommend wie immer, stellt uns den zuverlässigsten Mann, den er hat, zur Verfügung. Der führte uns an demselben Tage noch nach Punta Remolino, wo wir abends siebeneinhalb Uhr wohlbehalten ankamen und von allen, von Indianern und Weißen, auf das herzlichste begrüßt wurden. Wir waren wieder daheim.

Textfeld: ' Genaueres zur Sprache und Ethnographie der Haus erfuhr M. Gusinde gelegentlich seines letzten Aufenthaltes bei den Ona 1923.

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IN EINER RATSVERSAMMLUNG MIT DEN FÜHRENDEN MÄNNERN DIES STAMMES

Am Vormittag des 1. März 1922 (einem Mittwoch) hatte uns der zur Farm Gebrüder Laurence gehörige Kutter "Garibaldi" in der Indianerniederlassung Puerto Mejillones, an dem Nordufer der Isla Navarino, abgesetzt. So waren wir denn dem Hauptziel unserer Reise, der Teilnahme an der Kinafeier der Yagan, merklich näher gerückt. Nichts zu überstürzen, sondern bedächtig vorzugehen mußte aber auch hier die Losung sein. Wir suchten weiter nach dem bewährten Grundsatz meines Kollegen zu handeln. Alles sorgsam vorbereiten bedeutet für gewöhnlich schon den halben Erfolg! Im Interesse der vollen Erreichung unserer Pläne schien uns eine Ratsversammlung der führenden und ton­angebenden Männer besonders vorteilhaft, und so regten wir eine solche an.

Als wir den einzelnen diesen Gedanken unterbreiteten, fand er sogleich ihre Billigung. Wir wußten aber wohl, daß seiner praktischen Durchführung noch einige schwerwiegende Hindernisse entgegenstanden. Die mußten wir zunächst aus dem Wege zu räumen trachten.

Calderón (Taf. IV b) und Santiago (Taf. V b) waren einige Tage zuvor hart aneinandergeraten, sie hatten sich gründlich ent­zweit. Um mit allen hier in Mejillones augenblicklich ansässigen

Indianern gleich bekannt zu werden, machten wir um die Mittagszeit herum in Santiagos Begleitung überall unseren Antrittsbesuch. Dabei kamen wir, nun auch in Calderón Behausung. Santiago ging zwar auch mit hinein, aber weder er noch Calderón brachte es fertig, mit dem Widerpart irgendein direktes Wort zu wechseln.

Für uns ein Wink, doppelte Vorsicht walten zu lassen. Denn Calderón und Santiago stellen neben Chris die Hauptpersonen vor. Bringen wir dieses Kleeblatt nicht wieder unter einen Hut, dann ist für alle unsere weiteren Pläne zu fürchten.

Zum Überfluß erscheint auch Chris uns gegenüber verstimmt. Über den Grund sind wir uns bald klar. Wir sind bei Santiago abgestiegen und nicht bei ihm. Das muß er meinem Kollegen besonders verübeln, da dieser doch vor zwei Jahren sein „Verwandter" geworden ist. Chris' Frau, die Gertie (Taf. VIa), hatte beim Feste der Jugendweihe als seine Patin fungiert. Wir sprechen mit Chris und Gertie in aller Ruhe und suchen sie aufzuklären und zu beruhigen. Da wir mit Santiago und Gemahlin Adelaide (Taf. Va) von der anderen Seite gekommen, sei es uns nicht anders möglich gewesen, als auch das Angebot, in ihrer Hütte zu logieren, anzunehmen. Sowohl mit Chris als noch mehr mit Gertie läßt sich vernünftig reden, und so ist in bezug auf diese beiden bald wieder alles in das rechte Lot gebracht.

Des Nachmittags gegen fünf Uhr glaubten wir die Situation soweit geklärt, daß es gewagt werden dürfte, die Männer zu einer „Ratsversammlung" zusammenzutrommeln. Santiagos laute Stimme schallt durch das ganze Lager und ruft in seinem und unserem Namen die Männer herbei. Langsam, einer nach dem anderen, rücken sie heran, bis auf Calderón. Sollte er uns am Ende doch noch Ungelegenheiten bereiten wollen? Der Ernst des Augenblicks ist uns klar. Wir, mein Kollege und ich, über­legen schnell und gehen dann zusammen zu seiner Hütte, um ihn persönlich feierlichst herbeizubitten. Diese besondere Aus­zeichnung verfehlte ihre Wirkung nicht. Sofort, ohne jede Widerrede, geht er mit und setzt sich zu den übrigen in den Kreis.

Gott Dank, so weit hätten wir die Gesellschaft glücklich gebracht. Ein jeder bekommt, wie von ungefähr, zunächst sein Päckchen Tabak und Papier und Feuerzeug dazu, damit er sich eine Zigarette drehen und anzünden kann. Diese „Kulturerrungenschaft" haben sie den Weißen gelegentlich schon richtig abgeguckt. Das trägt nun gleich sichtlicherweise zur Hebung der Stimmung bei.

Mein Kollege hielt den Augenblick für gekommen, der versammelten Korona eine Rede zu halten; bereits Stammesmitglied, hatte er ja das Recht dazu. Die maßgebenden Faktoren, Calderon, Chris und Santiago, verstehen alle hinreichend Spanisch, um ihm ohne Schwierigkeit folgen zu können.

Sie vernehmen zunächst Lob und Anerkennung für alles das, was sie uns bis jetzt an Vertrauen und Beihilfe zur Erreichung unserer Zwecke gewidmet haben. Wir sind sehr zufrieden mit ihnen und danken schon bestens. Und unser Dank ist ja schon wiederholt auch in handgreiflicher Weise zutage ge­treten. Sie erhielten allerhand Gebrauchsgegenstände, Kleidungsstücke, Tabak und besonders ihre eigenen Photographien. Aber wichtiger wie alles dieses sei schließlich doch das, was mein Kollege tat und auch weiter tun wolle im Interesse des kleinen Gebietes, das hier die Yagan noch besitzen. Auch darin hätten sie sich ja bedroht gesehen, und die Gefahr sei, wie sie selber ganz gut wüßten, noch keineswegs beschworen. Er wolle aber selbstredend in diesem Sinne sein Bestes auch fernerhin tun, um das drohende Unheil abzuwenden. Dazu freilich werde er um so freudiger sich bereit finden, wenn wir auch jetzt wieder, wo es gelte Kina zu feiern, volles Vertrauen und Entgegenkommen fänden!

Die Rede verfehlte ihre Wirkung nicht. Das verriet weniger ein lauter Beifall, als vielmehr das zufriedene und dankbare Lächeln, das auf den Gesichtern der einzelnen spielte. Calderón nahm dann das Wort im Namen aller und sagte zunächst: „Ja, du hast recht. Alle deine Versprechen hast du treu erfüllt. Du bist nicht wie die übrigen Weißen. Diese machten uns auch Ver­sprechen genug, aber sie hielten sie nicht. Du bist wirklich ein Yamana [ein Mann]! Was ihr weiter von uns wünscht, was ihr hören und sehen wollt, das wird alles gemacht. Bitte nur zu befehlen, wir stehen euch ganz zu Diensten."

Mein Kollege dankte in seinem und meinem Namen. In bezug auf das aber, was nun zunächst und wie es zu machen sei, sollen sie selber Vorschläge unterbreiten.

Calderón und Chris waren tagsüber nur scheinbar müßig gewesen. Über Arbeits- und Spielprogramm hatten sie mitein­ander schon eifrig hin und her gesprochen. Und mit ihnen sind nun alle zunächst eins in dem Vorschlag, noch einmal das Fest der Jugendweihe (Tschiechaus) zu begehen. Einesteils sollte auch ich dasselbe sehen und erleben und damit Stammesmitglied werden. Und andernteils meinten sie, es sei dieses schöne, ihnen geläufige Fest nötig, um überhaupt in die rechte Stimmung zu kommen. Daran erst könne Kina sich anschließen, das seit mehr denn dreißig Jahren nicht gespielt wurde, und dessen Wiederauffrischung daher naturgemäß einige Schwierigkeiten bereiten werde.

Es braucht nicht gesagt werden, daß wir, und ganz be­sonders der Schreiber dieser Zeilen, über einen derartigen Vorschlag direkt entzückt waren und von Herzen unsere Einwilligung erteilten. Das besonders auch deshalb, weil mein Kollege zwei Jahre zuvor bei Gelegenheit seiner Aufnahmefeier äußerst strenge gehalten worden war, so daß er während der sechstägigen Veranstaltung keine einzige Zeile hatte zu Papier bringen dürfen. Ein nicht unbedeutender Teil der Zeremonien war ihm daher unaufgeklärt geblieben.

Wir benutzten die Gunst des Augenblicks und stellten das Ansuchen, daß man uns dieses Mal gestatten möge, von Fall zu Fall leise zu fragen, um die verschiedenen Einzelheiten gleich schriftlich festzuhalten. Die Alten würdigten diese Bitte und erledigten sie nach einigem Erörtern im bejahenden Sinne. Hier war der Umstand günstig, daß der alte Alfredo, welcher vor zwei Jahren die Jünglingsweihe leitete, derzeit abwesend war. Wie gut und entgegenkommend er sonst sich zeigte, in diesem Punkte war er unerbittlich streng. Mein Kollege mußte damals alles genau so machen wie die Einheimischen. Und weil die nicht schrieben, so durfte er es auch nicht! Mit dem biederen Santiago aber, der dieses Mal als Kursleiter fungieren sollte, ließ sich leichter reden.

Die Hauptpunkte des Programms unserer Ratsversammlung waren damit erledigt. Mit dem Erfolg und den geschaffenen weiteren Aussichten glaubten wir wohl zufrieden sein zu können. Jetzt hieß es noch an einige äußere praktische Dinge denken.

Da wir voraussahen, daß der Großteil der Bevölkerung zehn bis vierzehn Tage mindestens in unserem Interesse würde tätig sein müssen, so hatten wir hinsichtlich der nötigen Lebensmittel schon Vorsorge getroffen. In Punta Remolino waren etliche Schafe, ferner Mehl, Reis, Kaffee, Tee, Nudeln, Fett, Zucker und ähn­liche Dinge mehr in größeren Quantitäten erstanden. Der Pro­viant bedurfte nur noch der Ergänzung, und zu diesem Zwecke sollten Walter (Taf. XVIIIb, rechts) und Sohn (Taf. XIIa, untere Reihe rechts) am folgenden Morgen in aller Frühe nach dem fünf bis sechs Ruderstunden entfernten Ushuaia steuern. Die tiefsten Desiderien einzelner Männer, ihre Wünsche nach einem roten Tropfen (Rotwein!), waren uns natürlich nicht unbekannt. So lautete die Bestellung auch auf ein bescheidenes Quantum dieser herzerfreuenden Flüssigkeit, welche den Feuerländern ehe­dem wohl gänzlich unbekannt war, die sie heute aber im gegebenen Falle - von wenigen Ausnahmen abgesehen - keineswegs verschmähen.

Die übrigen Männer und wir mit ihnen wollen unterdessen für die noch nötigen Vorbereitungen an Ort und Stelle sorgen. Eine willkommene Erleichterung der Arbeit bedeutet es, daß

der Tschiechaus-Rancho (Taf. ä a und b) vom vorhergehenden Jahre im Gerüst noch steht und nur einer Reparatur und neuer Bedeckung bedarf. In zwei Tagen können und sollen alle vor­bereitenden Arbeiten erledigt sein, und am Freitag abend kann mit der Feier begonnen werden.

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VORBEREITUNG ZUIM FEIST DER: JUGENDWEIHE (TSCHIECHAUS)

Die beiden ersten Nächte auf Puerto Mejillones schliefen wir in Santiagos Hütte. Ein ganz kleines „Zimmerchen", in dem zwei von irgendwoher stammende Pritschen aufgestellt waren, bildete unser Departement. Da es am Raum gebrach, so war ein gleichzeitiges Zu-Bette-Gehen und Aufstehen nicht möglich. Hier mußten wir notgedrungen getrennt marschieren, einer nach dem andern zu Bette gehen bzw. wieder aufstehen. Die Enge des Raumes behindert aber keineswegs die nötige Ventilation. Mehr als uns eigentlich lieb war, pfiff manchmal der nächtliche kalte Wind durch die Spalten und Ritzen der dünnen Bretterwände herein. So gut, als wir vermochten, hüllten wir uns ein in unsere von Punta Remolino mitgebrachten Decken und schliefen gleich die erste Nacht, als die einzigen Weißen im Campament der Yagan, einen leidlich guten Schlaf.

Am nächsten Morgen zog abermals ein wunderbar schöner Tag herauf. Nach unseren bisherigen Erfahrungen hatten wir nicht zu hoffen gewagt, daß uns auf Feuerland noch einmal eine

derartige Sonne scheinen würde. Der Himmel ist ganz klar und rein, kein Lüftchen regt sich, und so ist auch der Beagle-Kanal spiegelglatt. Die für diese Gegend außergewöhnlich günstige Witterung nehmen wir hin als eine gute Vorbedeutung. Und mein Kollege versäumt nicht, das herrliche Panorama, welches, gebadet im Glanze der goldigen Morgensonne, vor uns sich aus­breitet, photographisch festzulegen. Auch vom Campament unserer Feuerlandindianer werden gleich mehrere Aufnahmen gemacht.

Santiago, Calderón und Manuel wissen wir unterdessen schon mit der Instandsetzung des Tschiechaus - Rancho beschäftigt. Wir gehen nun hin, um selber auch mit Hand anzulegen. Die Säuberungs- und Reparationsarbeit ist bereits in vollem Gange. Wir messen den Rancho gleichzeitig nach allen seinen Richtungen hin genauer aus und finden, daß er elf Meter lang, gut drei Meter breit und in der Mitte zweieinhalb Meter hoch ist. Eine langgestreckte Hütte in Bienenkorbkonstruktion.

Das Gerüst des Ranchos bedarf kaum einer nennenswerten Ausbesserung. Es hat ein Jahr lang der Feuerlandwitterung getrotzt, ein Zeichen für seine relativ große Solidität. Es besteht aus Stäben und Holzscheiten, die mit Hilfe von Binsen, oder heute auch von Tau und Draht, zusammengebunden sind. Die Innenseite der Holzscheite, die in einer Entfernung von etwa siebzig Zentimeter jedesmal mit den Stäben abwechseln, ist mit den gewöhnlichen Yaganfarben schwarz, weiß und rot bemalt. Die Bemalung muß nun freilich erneuert werden. Sie besteht nur aus Strichen und Punkten und hat - wenigstens nach Aussagen der heutigen Indianer - keinen anderen Zweck, als zu zieren und zu schmücken.

Konnte das Gerüst wesentlich das alte bleiben, so mußte aber das „Dach", die Bedeckung des Rancho, naturgemäß voll­ständig erneuert werden. Das Dach besteht nämlich aus frischen Buchenzweigen und Fellen (von Seehunden usw.); da die Felle heute für gewöhnlich bald an die Händler in Ushuaia verkauft werden, so sind sie in unserem Falle freilich meist vertreten durch aufgeschnittene Säcke („Kulturlumpen", wie mein Kollege sie zu benennen pflegte). Mit vereinten Kräften konnte auch diese Arbeit bald erledigt werden.

Darauf mußte der Innenausstattung des Rancho erneute Aufmerksamkeit geschenkt werden: Es galt vor allem die links und rechts der Länge nach durch den Rancho sich hinziehenden Sitz- und Lagerstätten einzurichten. Auch hier kommt man wesentlich mit den Zweigen der antarktischen Buche (Nothofagus betuloides) aus. Eine dichte Schicht wird davon über den Boden ausgebreitet, und das „Unterbett" ist fertig. Was darauf gehört oder der einzelne sich darüber wünscht, ein Fell oder heute irgendeine Decke, das muß er beizeiten selber herbeischaffen.

Da die Indianer aus Erfahrung wissen, daß ihr im Rancho offen brennendes Feuer durch seine mitunter gewaltige Rauchentwicklung (feuchtes Holz!) dem Europäer leicht sehr lästig wird, so stellen sie dieses Mal in liebevoller Rücksichtnahme auf uns zwei mächtige Eisenzylinder (Reste des Schornsteins eines im Beagle-Kanal verunglückten Dampfers!) als Feuerherde auf. In der Tat, sie erfüllten in vortrefflicher Weise ihren Zweck.

Zu beiden Seiten der Feuerstelle (Feuerherde) blieben den Sitz- und Lagerstätten entlang laufend schmale Gänge frei, die, wie wir bald näher erfahren und sehen sollten, als Tanz- und Spielbahnen dienten.

Das heilige Haus hat zwei Ein- bzw. Ausgänge, an jedem Ende einen. Der vordere ist etwas größer und für die Alten be­stimmt, der rückwärtige ist kleiner, vor allem niedriger, und ist in erster Linie für die Uswoala (Kandidaten und Kandidatinnen) da. Beide „Türen" werden mit Sacktuch (früher mit Fellen) verhängt, so daß also der Tschiechaus-Rancho nach allen Seiten hin abgeschlossen ist. Nur über dem Feuer bleibt oben eine Öffnung, ein hinreichend breiter Spalt, um dem Rauch einen Abzug zu gestatten.

Der 3. März, also der Tag, an dem abends der Einzug in das heilige Haus stattfinden sollte, war bereits angebrochen. Die Innenausstattung des Rancho bedurfte nur noch der letzten Ergänzung. So wurden vier bis fünf Holztäfelchen im Innern des Hauses aufgehängt. Dieselben haben eine Länge von etwa fünfundzwanzig und eine Breite von zehn Zentimetern und erscheinen in üblicher Weise mit Strichen und Punkten, in den drei Feuerlandfarben schwarz, weiß und rot, bemalt. Nach Aussage der heutigen  Yagan bedeuten diese bemalten Täfelchen nichts anderes als eine weitere Zierde des heiligen Hauses (Abb. 6).

Endlich wurde auch noch ein etwa zwölf Meter langer Lasso herbeigeschafft und in dem Sparrwerk des Rancho so angebracht, daß er gegebenenfalls schnell daraus hervorgeholt werden könnte (Abb. 7; vgl. Taf. XIa). Er dient dazu, besonders den jungen Kandidaten einen heilsamen Schrecken einzuflößen. Sollte nämlich einer derselben sich ungehorsam und widerspenstig zeigen, so wird er von den Männern ergriffen und mit Hilfe dieses Lassos eingewickelt und dann für einen halben oder auch einem ganzen Tag in einer Ecke des Rancho liegen gelassen, natürlich unter gänzlichem Verzicht auf Speise und Trank. Diese Kur, so versicherten uns die Alten, habe sich immer als probat er­wiesen. Und sie würde auch dieses Mal wieder, wenn nötig, zur Anwendung gelangen. Tatsächlich kam es aber nie so weit, weil wir Kandidaten von 1922 ständig brav und folgsam waren.

Zur Zeit des Mittagessens wurde der definitive Entschluß gefaßt, daß bei Sonnenuntergang die Feier beginnen werde. Mein Kollege, der zwei Jahre zuvor die Jugendweihe schon mitgemacht hatte, instruierte mich, was ich praktischerweise an Fellen, Decken, Handtuch, Seife usw. mit in den Rancho, der ja wenigstens Tier Tage und vier Nächte unseren ausschließlichen Aufenthaltsort bilden würde, hineinnehmen sollte.

Zur Erledigung dieser letzten Vorbereitungen gegen zwei Uhr nachmittags das heilige Haus betretend, war ich nicht wenig überrascht, mehrere Personen, Männer und Frauen mit ihren Siebensachen schon dort vorzufinden. An der Ausstattung des Rancho fehlte nichts mehr, selbst der Boden war mit einem Besen aus Buchenzweigen säuberlich gefegt, und in den eisernen Zylindern brannte schon ein lustiges Feuer. Ich fragte leise einen der Anwesenden, warum sie denn jetzt schon hier seien, da doch gegen Abend erst das Fest beginne. Darauf erhielt ich die Antwort: „Jawohl, aber man kann doch ein so schönes Fest nicht ohne weiteres beginnen, da muß man doch in Stimmung sein, und um die zu bekommen, sind wir schon hier und bereiten uns vor“. Die Sache mußte mich interessieren. Auffallend war schon der heilige Ernst gewesen, den diese schlichten Kinder der Urzeit bei Gelegenheit der Reparaturarbeiten am Rancho an den Tag legten. Das sie beherrschende Gefühl und Bewußtsein, daß es sich hier um etwas Außergewöhnliches und in irgendeinem Sinne Heiliges handele, trat uns dabei auf Schritt und Tritt entgegen. Und nicht nur einmal ergab sich die Veranlassung, einander daran zu erinnern, daß diese Urbewohner Feuerlands ihr heiliges Haus wohl mit viel mehr Eifer und innerer Anteilnahme errichteten, als wie so manche Europäer ihre Kirche.

Ich setzte mich unauffällig zu den im Rancho bereits an­wesenden Leuten und verhielt mich, wie die übrigen, ganz still. Nun konnte ich des näheren beobachten, wie die einzelnen, mit sich selbst beschäftigt, ohne Frage Gedanken und Empfindungen auf das bevorstehende hohe Fest zu konzentrieren suchten. Die Atmosphäre wie in einem Gotteshaus bei uns. Die für das Fest der Jugendweihe allgemein geltende Verhaltungsmaßregel: „Nur das Notwendige sprechen, und zwar mit leiser Stimme!" wird jetzt schon in voller Strenge eingehalten. Natürlich gilt das Gebot des Schweigens nicht in bezug auf die Gesänge, welche in dieses Haus hineingehören. Ja, die meisten dieser Gesänge singt und hört man überhaupt nur hier. Und so sind die frühzeitigen Teilnehmer auch jetzt schon dabei, sich die einzelnen Tschiechaus-Gesänge wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Von Zeit zu Zeit fängt dieser oder jener an, die Melodie irgendeines dieser Gesänge ganz leise (pianissimo) vor sich her zu singen. Das dient dann doppeltem Zweck. Einerseits üben sie die lange nicht mehr gesungenen Melodien wieder ein, andererseits kommt und wächst damit die Festesstimmung.

Im Laufe des Nachmittags kam ich noch öfter zurück. Immer wieder dasselbe Bild. Nur daß die Zahl der sich näher Vorbereitenden ständig weiter wuchs. Gegen fünf Uhr kamen auch die übrigen, die bislang noch verhindert gewesen waren, heran, und mit diesen zogen auch wir endgültig in das heilige Haus hinein.

Taf  5

taf 6

ERSTER ABEND IM  TSCHIECHAUS-RANCHO

Wie alle übrigen, so bekamen auch mein Kollege und ich einen bestimmten Platz angewiesen. Für meinen Kollegen war selbstverständlich, daß er seinen Platz bei der Familie seiner „Patin" Gertie erhielt, er gehörte ja bereits als deren „Adoptivsohn" dorthin. Daß Adelaide, Gerties Schwester, meine Patin werden sollte, war schon seit einigen Tagen ausgemachte Sache. Adelaide hatte diesen Wunsch geäußert, und bei dem Ansehen und der Beliebtheit, deren sie sich allgemein erfreute, war von keiner Seite Widerspruch dagegen erhoben worden. Mein Platz war damit natürlich auch bestimmt. Neben Santiago, dem Ge­mahl meiner zukünftigen Patin, hatte ich mich häuslich einzurichten. So ist es nämlich alte Yagansitte, daß Kandidat oder Kandidatin von vornherein den Platz dort angewiesen erhalten, wo sich die Patin befindet. Da Santiago dieses Mal als Festleiter fungierte, so genoß ich denn die Auszeichnung, direkt zu Füßen des Meisters zu sitzen bzw. zu liegen. Noch lebhaft steht der feierliche Gestus vor meinen Augen, mit dem Santiago mir den Platz zu seiner Rechten anwies. Mein Kollege saß mir schräg gegenüber, so daß eine gewisse Kommunikation - wenn für gewöhnlich auch nur mit Hilfe einer Augensprache - immerhin möglich war.

Doch sehen wir uns die Festteilnehmer, so wie sie gleich am ersten Abend anwesend waren und ihre bestimmten Plätze erhielten, etwas näher an. Das obenstehende Schema vermittelt ohne weiteres den wünschenswerten Überblick (Abb. 8). Die Zeich­nung gibt den Grundriß des heiligen Hauses wieder. Sitz bzw. Lagerplatz eines jeden ist kenntlich gemacht und mit dem Namen des Betreffenden beschriftet; a und b bedeuten die beiden früher schon genannten Eisenzylinder, die der Feuerung dienten; c kenn­zeichnet den Holzklotz, welcher nur der Ausfüllung halber zwischen die beiden Feuerherde gelegt wurde. Das geschah, um die nebenherlaufende Tanz- und Spielbahn d in ihrer ursprünglichen Gestalt zu erhalten, das sonst offene Feuer nimmt nämlich diesen ganzen mittleren Raum ein.

Durch den Haupteingang hereinkommend erblickt man zur linken Hand zunächst den alten gutmütigen Charlin (Taf. XIV b, links). Darauf folgt der ebenfalls betagte, seit fünfzehn Jahren bereits blinde Witsch (Taf. VIb), der Vater von Gertie und Adelaide, unserer Patinnen. Er gilt als Yekamuš (Medizinmann), und er lebt und stirbt für die alten Yagansitten. Sein Nachbar und Kollege ist der an Jahren auch schon reiche Mešemikens (Taf. XIb, rechts). Zwischen diesem und Santiago hatte dann der Schreiber dieser Zeilen seinen Platz. Santiago ist gut Fünfziger. Er kennt' die alten Sachen und betätigt sich gern darin, ohne im übrigen ein Mann von besonderer Intelligenz zu sein. Adelaide ist seine zweite Frau. Sie zählt etwa fünfunddreißig Jahre und hat alle Tugenden einer guten Yaganfrau, sie ist ruhig, verträglich, fleißig und begeistert für das Alte. Neben ihr sitzt ihre sechzehn Jahre zählende Tochter Elise (Taf XIII a, oben rechts). Weiter folgt endlich in der Reihe noch das auch schon betagte Ehepaar Mary (Taf. XVI b, dritte Person von rechts) und Richard (Taf. XIV b, rechts). Mary ist eine gute und bis auf den tiefsten Grund der Seele gediegene Person. Richard, eine stille, in sich gekehrte Natur und auch ein Yekamuš, paßt zu ihr. Beide sind mit Leib und Seele dabei, wenn es gilt, die schönen alten Gebräuche und Spiele wieder aufzufrischen.

Vom Haupteingang gerechnet die Reihe rechts beginnt mit dem dreißig Jahre alten Calderón. Zwischen ihm und dem gleichaltrigen Chris sitzt Gusinde. Calderón und Chris sind die intelligentesten Burschen, die der Yaganstamm heute noch aufzuweisen hat. Gertie, Chris' Gemahlin und die Patin meines Kollegen, nimmt unter allen Yaganfrauen geistig unzweifelhaft die erste Stelle ein. Auf sie folgt der noch junge (vielleicht fünfundzwanzig Jahre alte), gutwillige, aber sonst wenig bedeutende Manuel. Er ist der dritte Mann der Emilia, die ihrerseits sein doppeltes Alter hat. Dieser Familie zugesellt finden wir den Waisenknaben Kinas (Taf. XIIb, in der Mitte der unteren Reihe) und die etwa achtzehnjährige Alakalufin Julia (Taf. XXII b). An diese schließt sich noch an die Familie Walter, Vater, Frau und Sohn. Alle die Letztgenannten sind in keinem Sinne führend, sondern gute und brauchbare Mitläufer.

Als Kandidaten gelten, abgesehen von meinem Kollegen und mir, Manuel, Kinas, Walter Sohn, Julia und Elise. Daß Manuel und wir beide schon vorgerückten Alters sind, verschlägt nichts. Nach Anschauung und Brauch der Yagan kann die Jugendweihe, falls sie im rechten Alter aus, irgendeinem Grunde unterblieb, später immer noch nachgeholt werden.

Ist Santiago der aktive Leiter des Festes, so vertritt der ältere Mašemikens eine noch höhere Instanz, er gilt als der eigentliche „Herr des Hauses'. Auch das Amt eines Polizisten hat einer im Tschiechaus-Rancho zu versehen. Ihm liegt es ob, auf die äußere Ordnung zu schauen und besonders auch darauf zu achten, daß keine Unberufenen dem heiligen Hause zu nahe kommen. Der alte Thomas (Taf. XX a, die sechste erwachsene Person von rechts) sollte dieses Mal den Polizisten spielen. Derselbe war aber am ersten Abend noch nicht anwesend, und so blieb der Posten zeitweilig unbesetzt. Die Indianer sahen über diesen Formfehler um so eher hinweg, als eine Störung von außen bei den gegebenen Verhältnissen absolut aus­geschlossen war.

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